Der Weg zur Unabhängigkeit

40 Jahre Bangladesch

Von Niko Richter

Jede Geschichte hat nicht nur einen Anfang, nicht eine einzig zulässige Interpretation. Die Unabhängigkeit Bangladeschs ist untrennbar verknüpft mit anderen historischen Ereignissen in Südasien – vor und nach dem Ende der britischen Herrschaft in der Region im Jahr 1947. Beim Versuch den Weg zur Unabhängigkeit Bangladeschs nachzuzeichnen, sollte immer Bedacht werden, dass dies nur Teil eines fortwährenden Prozesses der Geschichtsaufarbeitung sein kann.

Bereits im Jahr 1947 bestehen elementare Konfliktlinien zwischen dem westlichen (heute Pakistan) und östlichen (heute Bangladesch) Teil Pakistans, die über 1.500 Kilometer voneinander getrennt sind. Die vermeintlich identitätsstiftende islamische Identität der Mehrheit der Bevölkerung kann die kulturellen und sprachlichen Unterschiede nicht aufwiegen. Die politische und ökonomische Ausbeutung und angestrebte kulturelle Dominanz des Ostteils des Landes durch die politische Führung in Westpakistan, sind bereits Ende der 1940er Jahre Treibstoff für den Widerstand im heutigen Bangladesch.

Ausgehend von der Sprachbewegung der bengalischsprachigen Bevölkerung gegen die Einführung von Urdu als Nationalsprache, entwickelt sich der politisch organisierte Widerstand. Angeführt wird dieser von der Awami League unter der Führung von Sheikh Mujibur Rahman. Dieser verkündet 1966 das „6-Punkte-Programm“ seiner Partei, dessen Umsetzung de facto die Autonomie Ostpakistans bedeuten würde, und entfacht damit den offenen und organisierten Widerstand gegen die westpakistanische Dominanz. Das bereits seit 1958 vom Militär gelenkte Regime antwortet mit Drohungen, Repressionen und politisch motivierten Verhaftungen – was die Widerstandsbewegung nur weiter anheizt.

Unter dem Eindruck gesellschaftlicher und politischer Unruhen, die sich in beiden Landesteilen Pakistans Ende der 1960er Jahre weiter verschärfen, willigt General Yahya Khan, Oberbefehlshaber der pakistanischen Armee, schließlich den ersten allgemeinen und direkten Wahlen in Pakistan zu. Bei diesen gewinnt die ostpakistanische Awami League im Dezember 1970 die absolute Mehrheit. Ein für das Regime in Westpakistan inakzeptables Ergebnis, das daher die erste Sitzung der neugewählten Nationalversammlung auf unbestimmte Zeit verschiebt. Als Reaktion darauf fordert der überwiegende Großteil der Bevölkerung und politischen Elite Ostpakistans von Sheikh Mujibur Rahman die Unabhängigkeit auszurufen. Dieser setzt jedoch zunächst auf eine Bewegung der gewaltfreien Nichtkooperation.

Vermeintlich um den politischen und wirtschaftlichen Stillstand in Pakistan zu lösen, findet Mitte März 1971 ein Treffen zwischen General Yahya Khan, Zulfikar Ali Bhutto, dem Vorsitzenden der größten Partei Westpakistans, und Sheikh Mujibur Rahman in Dhaka statt. Doch noch während die Verhandlungen laufen, lässt der General die Vorbereitungen für eine militärische Lösung des Konflikts anlaufen.

Hier erläutert der Historiker und Bangladesch-Experte Professor Willem van Schendel die Ereignisse des folgenden Krieges – der mit der Kapitulation der pakistanischen Armee am 16. Dezember 1971 und der Unabhängigkeit Bangladeschs endete.

Niko Richter ist stellvertretender NETZ-Geschäftsführer.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Erinnerung und Gegenwart - 40 Jahre Unabhängigkeit Bangladeschs". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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