Bangladeschs Kampf um Unabhängigkeit

Ein historischer Abriss

Von Willem van Schendel

Der 25. März 1971 war ein schicksalsschwerer Tag für das bengalische Delta. Während der Diktator Pakistans [Anm. d. Red.: Präsident Yahya Kahn] insgeheim aus Dhaka nach Westpakistan zurückreiste, gab er die Anweisungen für einen umfassenden militärischen Angriff auf die Bevölkerung Ostpakistans. Es war eine Strafaktion, die den bengalischen Nationalismus eliminieren und die Dominanz Westpakistans über den Ostteil des Landes wiederherstellen sollte. Der bewaffnete Angriff unter dem Namen „Operation Searchlight“ [Anm. d. Red.: Zu Deutsch „Operation Scheinwerfer“] wurde von General Tikka Khan geleitet, der schon bald als „Schlächter von Bengalen“ berüchtigt wurde.

Es war ein brutaler Ansturm, insbesondere auf die Orte, welche die Militärführung als Hauptzentren des bengalischen Widerstands ausgemacht hatte. Panzer, bewaffnete Transportfahrzeuge und Bodentruppen strömten aus, um die zwei bengalischen Institutionen in Dhaka zu zerschlagen, von denen ernsthafter bewaffneter Widerstand befürchtet wurde: die Polizei und die paramilitärischen East Pakistan Rifles. Beide wurden nach schwerem Gefecht überwältigt. Nächstes Ziel der Armee waren die Slums: Mit Flammenwerfern wurden sie niedergebrannt, zahlreiche Bewohner auf der Flucht erschossen.

Ein drittes Ziel war die Universität von Dhaka, die einige Wochen zuvor zu Beginn der Kampagne des zivilen Ungehorsams geschlossen worden war. So waren zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise viele Studenten nach Hause zurückgekehrt. Die Truppen wüteten auf dem Campus, beschossen die Schlafsäle mit Mörsern und töteten zahlreiche Studenten und Dozenten. Zudem griff die Armee die beiden Hauptsymbole des ostbengalischen Nationalismus an. Das Shahid Minar, das Denkmal für die Märtyrer der Sprachbewegung, wurde zerstört. Sheikh Mujibur Rahman war das zweite Symbol. Im Gegensatz zu den meisten anderen Führern der Awami League, hatte er sich dazu entschlossen, nicht in den Untergrund zu gehen. Töten wollte ihn die Armee nicht, um ihn nicht zum Märtyrer zu machen. Stattdessen wurde er festgenommen, mit der Absicht, ihn nach Westpakistan zu verschleppen. Er wurde des Landesverrates angeklagt, da man ihn beschuldigte, den zivilen Ungehorsam angezettelt zu haben.

In diesen ersten grauenvollen Stunden des Armeeterrors wurden überall in Dhaka Menschen aus ihren Häusern getrieben und willkürlich hingerichtet. Es gab mündliche und später auch schriftliche Anordnungen zur Tötung insbesondere der hinduistischen Bevölkerung. Dhakas altes Kunsthandwerkerviertel Shankharipotti wurde attackiert und die dort lebenden Hindus ermordet. Gezielt wurden bekannte Hindus gesucht und exekutiert. Bei Sonnenaufgang bot Dhaka den Anblick einer Geisterstadt.

Auch in anderen Teilen Ostpakistans war der militärische Angriff ähnlich exzessiv und von blutiger Rache geprägt. Doch nicht überall gelang es der Armee die Kontrolle zu gewinnen. So töteten in Chittagong bengalische Truppen des East Bengal Regiments ihre pakistanischen Offiziere, nachdem sie von den Geschehnissen in Dhaka gehört hatten, und begannen den Widerstand zu organisieren. Von einer kleinen Radiostation in Chittagong aus wurde am 26. und 27. März durch einen bengalischen Offizier, Ziaur Rahman, der Aufruf an die „Bewohner von Bangladesch“ übermittelt, der angreifenden Armee Widerstand zu leisten. Die Radiostation hatte eine nur geringe Reichweite und wurde bald durch einen Luftangriff zum Schweigen gebracht. Aus diesem Grund wusste die Welt zunächst weder von den Geschehnissen in Ostpakistan, noch von der Rede, die später als Unabhängigkeitserklärung bekannt werden sollte. Die Armee überwachte Radiostationen und Telefonkontakte, zerstörte das Büro der größten Tageszeitung Ittefaqund anderer Zeitungen und zwang ausländische Korrespondenten in ihrem Hotel in Dhaka zu bleiben. Obwohl die Journalisten die brennende Stadt um sich herum sehen konnten, hatten sie keine Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Trotz der plötzlichen und heftigen Attacke der Armee gab es im gesamten bengalischen Delta Widerstand der Bevölkerung. An einigen Orten wurde dieser schnell niedergeschlagen, doch an anderen Orten, wie beispielsweise in Kushtia, Jessore, Sylhet und den nördlichen Distrikten, hielt er wochenlang an. Erst gegen Ende Mai ging die pakistanische Armee davon aus, die meisten Städte unter ihre Kontrolle gebracht zu haben.

Infolge des Militäreinsatzes kam es zu einer panikartigen Massenflucht. Viele Tausende flüchteten aus den Städten, wo die Armee besonders aktiv war, um Zuflucht bei ihren Familien in den Dörfern zu suchen. Aber die Armee machte auch vor den Dörfern nicht Halt. Andere fühlten sich so sehr bedroht, dass sie die Grenze nach Indien überquerten. Im Mai 1971 gaben indischen Behörden bekannt, dass bereits mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge in Indien eingetroffen seien und täglich 60.000 weitere Ostpakistanis ankämen. Bis Kriegsende riss der Flüchtlingsstrom nach Indien nicht ab. Die Zahl von insgesamt 10 Millionen Flüchtlingen wird am meisten zitiert, doch es ist unmöglich, dies zu verifizieren.

Der Widerstand Bangladeschs

Im Mai war die erste Phase des Krieges beendet. Die Armee kontrollierte zumindest dem Anschein nach den größten Teil des verängstigten bengalischen Deltas. Doch der Widerstand war keineswegs gebrochen. In der Zwischenzeit hatte sich die Führung der Awami League im indischen Exil neu formiert und eine Exilregierung aufgebaut. Unterstützt durch Indien rief diese am 17. April 1971 Bangladesch formal als unabhängigen Staat aus. Dies geschah in einem Mangohain in der Nähe der Stadt Meherpur, nur einige Meter innerhalb des Territoriums des heutigen Bangladesch. Informationen über diese Ereignisse wurden durch eine eine neugegründete Untergrundradiostation verbreitet.

Anfangs war der Widerstand gegen die Angriffe der Armee größtenteils noch unkoordiniert und spontan. Überall im Delta traten junge Männer und Frauen der Widerstandsbewegung der Freiheitskämpfer bei. Von Anfang an wurden diese von Indien unterstützt und ausgebildet. Die meisten ihrer Lager befanden sich auf indischem Territorium in unmittelbarer Grenznähe. Viele Menschen in Bangladesch kämpften um ihr Überleben inmitten einer Umgebung, die plötzlich zu einem Hexenkessel geworden war, in der keiner mehr seines Lebens sicher war. Dennoch unterstützte die Bevölkerung die Widerstandsbewegung und bot den Kämpfern Schutz, Nahrung und Informationen.

Während der bangladeschische Widerstand Form annahm, setzte der Monsun ein und bedeckte das Delta mit Schlamm und Wasser, was eine konventionelle Kriegsführung erschwerte, Guerillataktiken aber begünstigte. So standen sich Mitte 1971 die pakistanischen Armee und die Freiheitskämpfer in einem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel im gesamten Delta gegenüber. Die Härte der Kämpfe lässt sich auch an der großen Zahl der Binnenflüchtlinge erkennen. Schätzungen zufolge gab es allein 20 Millionen Inlandsflüchtlinge und die Angst vor einer großen Hungersnot wuchs.

Schnell wurde klar, dass die Freiheitskämpfer nicht in der Lage sein würden, die pakistanische Armee im offenen Kampf zu besiegen. Aber da sie im gesamten Delta aktiv waren, stellten ihre Hinterhalte, Angriffe, Sabotageakte und öffentliche Meinungsmache eine permanente Bedrohung dar. Ihre Aktivitäten erschöpften die pakistanischen Truppen, nicht zuletzt, weil sie ein unangenehmes Gefühl andauernder Gefahr und Unsicherheit erzeugten. Bis November 1971 hatten die verschiedenen Gruppen der Freiheitskämpfer etwa 100.000 Mitglieder, von denen die Hälfte in Bangladesch aktiv war. Diese hatten es geschafft, die Kontrolle über mehr als zehn befreite Gebiete entlang der Grenze zu übernehmen.

Die pakistanische Armee versuchte zunächst, den Freiheitskämpfern durch die Gründung ziviler Widerstandsgruppe in Ostpakistan zu begegnen, gründete später aber paramilitärische Einheiten, wie Razakar, Al-Shams, Al-Badr, die unter pakistanischem Kommando standen. Diese sollten eine symbolische Unterstützung liefern und dienten andererseits auch als Todesschwadronen und Informanten zur Aufstandsbekämpfung.

Internationales Engagement

Die Führung Pakistans hatte geplant, alle politischen Ambitionen der Bengalen in Ostpakistan sofort niederzuschlagen, um schnellstmöglich wieder zur Normalität zurückkehren zu können. Doch sie wurde in einen Guerillakrieg verstrickt, der internationale Aufmerksamkeit auf sich zog und von dem sich die Welt nicht überzeugen ließ, dass es sich nur um innere Angelegenheiten handelte. Als Millionen Flüchtlinge über die Grenze nach Indien strömten und sich so auch die Geschichten von Gräueltaten verbreiteten, begann die internationale Presse von einem Genozid zu sprechen. Vielerorts bildeten sich Solidaritätsgruppen für Bangladesch, bengalische Angestellte pakistanischer Botschaften flohen oder wurden entlassen. Das internationale Engagement erreichte seinen Höhepunkt mit dem „Konzert für Bangladesch“, einer großen Benefizveranstaltung zu Gunsten der Kinder Bangladeschs, das im August 1971 in New York mit prominenten Unterstützern wie George Harrison, Bob Dylan und Ravi Shankar stattfand. Zu diesem Zeitpunkt war Pakistan in der Weltgemeinschaft wegen seiner gewaltsamen Aktionen im Ostteil des Landes bereits international isoliert.

Die politischen Reaktionen waren jedoch weitaus komplizierter. In Südasien waren die Verhältnisse relativ eindeutig. Indien und Pakistan teilten ein Vermächtnis der gegenseitigen Fehlwahrnehmung, das auf das Trauma der Teilung Indiens bei der Unabhängigkeit 1947 zurückging und misstrauten den Motiven und Handlungen des Anderen. So befanden sich die beiden Staaten bei jedem Südasien betreffenden Thema im Widerspruch zueinander – 1971 war hierbei keine Ausnahme. Auf der einen Seite stand Indien, das sich als Verfechter des bangladeschischen Rechts auf Selbstbestimmung präsentierte und das Land diplomatisch, militärisch und durch die Einrichtung von Flüchtlingslagern unterstützte. Auf der anderen Seite war Pakistan, das darauf bestand das vereinte islamische Heimatland zu verteidigen und Indien vorwarf, sich in innerstaatliche Angelegenheiten einzumischen. Nach 1948 und 1965 wuchs erneut die Gefahr eines Krieges zwischen den beiden Staaten, auf den man sich mittlerweile hier wie da vorbereitete.

Der Bangladesch-Krieg brach inmitten des Kalten Krieges aus und so wurden auch die beiden Supermächte USA und die Sowjetunion involviert. Die Sowjetunion unterstützte Indien und die Befreiungsbewegung Bangladeschs. Die USA und China befürworteten die Ziele Pakistans, die auch von anderen Staaten mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit unterstützt wurden. Dies hatte zur Folge, dass der Konflikt nicht mit diplomatischen Mitteln gelöst werden konnte: Während Diskussionen in den Vereinten Nationen stagnierten, erbrachten auch bilaterale Verhandlungen keine Änderung. Im Gegenteil, aufgrund der langen Dauer des Krieges im Jahr 1971 rückten Indien und die Sowjetunion näher zueinander und intensivierten ihre Unterstützung der bangladeschischen Seite. Gleichzeitig begannen die USA und China erstmals nach Jahrzehnten des diplomatischen Winters wieder direkte Konsultationen aufzunehmen.

Nach dem Ende der Regenzeit im Oktober war klar, dass die pakistanische Armee nicht in der Lage sein würde, die Kontrolle über das Delta zurück zu gewinnen, aber auch, dass die Freiheitskämpfer keinen militärischen Sieg würden erringen können. Indien begann schrittweise eine militärische Invasion vorzubereiten. Im November wurde ein indischer General als Oberkommandierender gemeinsamer Streitkräfte aus Freiheitskämpfern und regulären indischen Truppen berufen. Zeitgleich wurden die militärischen Operationen auf bangladeschisches Staatsgebiet ausgeweitet, ohne jedoch aufgrund geopolitischer Überlegungen den Krieg zu erklären. Erst nachdem die pakistanische Luftwaffe am 3. Dezember 1971 Angriffe auf eine Reihe von Flugplätzen im Nordwesten Indiens durchführte, intervenierte Indien offen. Somit begann der dritte Krieg zwischen den beiden Ländern.

Die indische Armee, unterstützt von den Freiheitskämpfern, hatte alle Vorteile auf ihrer Seite. Als sie aus allen Richtungen in das Delta einmarschierte, war sie besser bewaffnet als die Pakistanis, hatte sowohl die Luft- als auch Seehoheit und wurde von einem Großteil der Bevölkerung als Befreier begrüßt. Dennoch war die Invasion kein einziger Siegeszug: Die Pakistanis leisteten heftigen Widerstand und es gab viele Opfer. In den letzten Kriegstagen kam es letztmals zu gezielten Angriffen auf führende bengalische Intellektuelle. Die propakistanische Miliz Al-Badr trieb Schriftsteller, Professoren, Künstler, Ärzte und andere in Dhaka zusammen und schlachtete sie mit verbundenen Augen ab. Einige Tage später, am 16. Dezember, zerbrach die pakistanische Führung und die Armee war gezwungen aufzugeben. Der Krieg war beendet und ein unabhängiger Staat entstanden.

Bangladesch-Experte Willem van Schendel ist Professor für Moderne Asiatische Geschichte an der Universität von Amsterdam und Vorsitzender der Asien-Abteilung des International Institute of Social History in Amsterdam. Dieser Beitrag ist eine gekürzte Übersetzung des 16. Kapitels seines vielbeachteten Buches zur Geschichte Bangladeschs „A History of Bangladesh“. Das Buch wurde 2009 in der englischen Originalfassung von Cambridge University Press veröffentlicht.

Übersetzung: Insa Bloem und Jana Fahrig, © Cambridge UP, genehmigte Übersetzung

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Erinnerung und Gegenwart - 40 Jahre Unabhängigkeit Bangladeschs". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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