Der stille Kampf der „Kriegsheldinnen“

Frauen und der Unabhängigkeitskrieg von 1971

Von Patrizia Heidegger

Das Buch Gegen unseren Willen: Vergewaltigung und Männerherrschaft der US-amerikanischen Fe-ministin Susan Brownmiller machte die sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Unabhängigkeitskrieg von Bangladesch einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Die Autorin war durch Presseberichte in den USA Ende 1971 auf das Thema aufmerksam geworden. In ihrem Standardwerk von 1975 berichtet sie, dass 200.000, 300.000 oder 400.000 Frauen – je nach Quelle – in den Kriegsmonaten von März bis Dezember 1971 vergewaltigt worden waren. 80% davon waren muslimische Frauen. Tausende Frauen sind, so Susan Brownmiller, in Bordelle und Armeebasen der pakistanischen Armee verschleppt worden und konnten erst nach Ende des Kriegs befreit werden.

Es gibt keine gesicherten Angaben, für welche Übergriffe sexualisierter Gewalt westpakistanische Soldaten oder die Razakar, eine von der pakistanische Armee gegründete paramilitärische Miliz aus pro-pakistanischen Bengalen und Biharis, die mit der Armee gegen die Freiheitskämpfer kollaborierte, verantwortlich waren. Die westpakistanische Armeeführung behauptete, dass ihre Männer „zu diszipliniert für solche Taten“ gewesen seien. Berichte von Zeitzeugen sprechen eine andere Sprache. Laut Angaben von Opfern sind auch Biharis, die sich den Razakar angeschlossen haben, an Vergewaltigungen beteiligt gewesen. Nach dem Krieg gab die neue Regierung von Bangladesch, so Susan Brownmiller, die Zahl von 200.000 vergewaltigten Frauen an. Doch wie in allen Kriegen, sind Gut und Böse nicht klar zu trennen. Auch die Freiheitskämpfer sollen Frauen vergewaltigt haben: Immer noch ein Tabuthema, über das in Bangladesch nicht gesprochen wird, denn die Freiheitskämpfer werden als Helden verehrt.

Das Martyrium dieser Frauen endete nicht mit der Unabhängigkeit. Das Stigma der Vergewaltigung haftete den Opfern an, die Gesellschaft und ihre Familien akzeptierten sie nicht mehr. Der Staatsgründer und erste Premierminister des Landes Sheikh Mujibur Rahman erklärte sie zu Birangona, zu Deutsch „Kriegsheldinnen“, um sie vor den Ausschlussmechanismen der patriarchalen Gesellschaft zu bewahren. Die Regierung richtete zusammen mit der Londoner Organisation International Planned Parenthood Federation in Dhaka und anderen Orten des Landes Rehabilitationszentren ein, wo die Frauen medizinisch versorgt und Abtreibungen durchgeführt wurden. Sie erhielten eine Ausbildung, damit sie ihr eigenes Geld verdienen konnten. Eine Kampagne sollte Männer, vor allem Freiheitskämpfer, motivieren, die Frauen zu heiraten. Laut Susan Brownmiller war das Vorhaben aber nicht erfolgreich, da nur wenige Männer dazu bereit waren oder hohe Mitgiftforderungen stellten.

Die bangladeschische Wissenschaftlerin Bina d’Costa, die zu Kriegsverbrechen forscht, schätzt in ihren Aufsatz über Kriegskinder, dass rund 25.000 bengalische Frauen durch Vergewaltigung schwanger geworden waren. Während Sheikh Mujibur Rahman die Birangona zu seinen „Töchtern“ erklärte, ließ er gleichzeitig verkünden, dass keines dieser „pakistanischen Kinder“ in Bangladesch verbleiben dürfe. Susan Brownmiller schreibt, die Einstellung sei weit verbreitet gewesen, dass weder die Kinder noch ihre Mütter jemals von der Gesellschaft akzeptiert werden würden. Der junge Staat überließ den Frauen somit wenig Entscheidungsmöglichkeiten: Er drängte sie zur Abtreibung oder vermittelte Adoptionen ins Ausland. Bina D’Costa dokumentiert, dass vor allem die sehr jungen Mütter ihre Kinder nicht hergeben wollten und dass sie mit Beruhigungsmitteln ruhig gestellt werden mussten. Die Kinder wurden vor allem nach Kanada, Schweden und Frankreich gebracht. Während einheimische und europäische Ärzte Abtreibungen in den Rehabilitationszentren durchführten, habe es in den Dörfern, so der englische Arzt Geoffrey Davis, Tausende Fälle von Abtreibungen ohne medizinischen Beistand gegeben, während reichere Familien eine Abtreibung in Kalkutta ermöglichten.

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Im Jahr 1975 verschwand das Schicksal dieser Frauen völlig aus dem staatlichen Diskurs, so die Soziologin Nayanika Mookherjee. Während die Freiheitskämpfer bis heute als Helden verehrt werden, sprachen Regierung und Politik nicht mehr über die Frauen. Zwar blieben sie Thema der kulturellen Auseinandersetzung mit dem Unabhängigkeitskrieg, aber in der offiziellen Geschichtsschreibung der jungen Nation wurden sie vergessen: „Wenn die militärische Geschichte geschrieben ist, wenn die ruhmreichen Schlachten für die Unabhängigkeit Legende geworden sind, dann werden solche Geschichten vertuscht, als Übertreibung abgetan oder als nicht wichtig genug für die Behandlung in wissenschaftlichen Texten eingestuft“, fasst Susan Brownmiller den Prozess zusammen. Die Frauen bleiben mit ihrer Scham allein zurück und warten bis heute auf ihre rechtliche Rehabilitierung durch eine gerichtliche Aufarbeitung der Gewalt.

Erst im Jahr 1992 rückten jene Frauen wieder in die Öffentlichkeit, als mehrere Zeitungen ein Bild von drei Frauen vor einem Gerichtsgebäude abdruckten. Sie waren Opfer von Vergewaltigungen im Jahr 1971 und versuchten Anklage gegen Ghulam Azam, einen führenden Razakar, vor Gericht einzureichen. Im Jahr 1993 erschien die britische Dokumentation War Crimes File, zu Deutsch „Die Akte der Kriegsverbrechen“, über drei Kollaborateure, die mittlerweile in London wohnten. Ab Mitte der 1990er Jahre dokumentierten Zeitzeugenprojekte individuelle Geschichten und Wissenschaftlerinnen aus Bangladesch setzten sich verstärkt mit der Frage der Kriegsverbrechen an Frauen auseinander.

Diese Entwicklung fand parallel mit einer vergleichbaren Bewegung in Indien statt: Dort war die immense sexualisierte Gewalt während der Teilung in Indien und Pakistan im Sommer 1947 noch länger unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit verborgen geblieben. Durch Projekte wie das der Wegbereiterin Urvashi Butalia konnten ab den 1990er Jahren Zeitzeugenberichte gesammelt und die Geschichte aus der Perspektive von Frauen aufgearbeitet werden.

Für einen Eklat in Bangladesch sorgte ein Aufsatz von Sarmila Bose im Oktober 2005. Die in den USA lebende Westbengalin behauptete, die Zahlen der Todesopfer und der Vergewaltigungen seien von bangladeschischer Seite aus politischen Gründen stark übertrieben worden. Bose wurde für ihre Argumentation heftig angegriffen. Bis heute bleibt die Wahrheit umkämpft: Während die Regierung von Bangladesch von 3 Millionen Kriegstoten spricht, zählte die damals eingesetzte pakistanische Kommission 26.000 Opfer. Ebenso umstritten bleiben die Zahlen zu den Opfern von sexualisierter Gewalt.

Unabhängig vom Streit um Zahlen hat der Staat den Opfern sexualisierter Gewalt durch Bevormundung, wie den Druck zu Abtreibungen und Adoptionen, wenig Handlungsspielraum gelassen. Gleichzeitig hat das offizielle Bild des Unabhängigkeitskriegs den Blick auf die aktive Rolle vieler bengalischer Frauen im Krieg verstellt. Frauen riskierten ihr Leben, in dem sie Freiheitskämpfern Unterkunft und Verpflegung boten, Waffen versteckten, Verletzte pflegten oder sich um die Millionen von Flüchtlingen in den Lagern kümmerten. So war beispielsweise Hena Das, später Präsidentin der Frauenrechtsorganisation Bangladesh Mahila Parishad, für die Schulen der bengalischen Kinder in den Flüchtlingscamps zuständig. Einige Frauen kämpften sogar an der Waffe gegen die westpakistanische Armee. Im Gegensatz zu den männlichen Freiheitskämpfern wurden die wenigsten von ihnen mit Orden dekoriert.

In den letzten Jahren waren es vor allem auch dokumentarische Filme, die versuchten, ein differenziertes Bild von Frauen im Unabhängigkeitskrieg zu zeichnen. Narir Kotha („Frauenworte“; 2000) von Catherine und Tareque Masud und Tahader Juddho („Ihr Krieg“; 2001) von Afsan Choudhury dokumentieren die Grausamkeiten gegen Mädchen und Frauen, aber auch ihre aktiven und unterschiedlichen Rollen im Kampf um Unabhängigkeit. Ein Essay bangladeschischer Autorinnen aus dem Jahr 2006 beschreibt die Heldinnen dieser Filme mit folgenden Worten: „Diese bemerkenswert mutigen Frauen haben einen harten Kampf geführt, um ihre Familie am Leben zu halten, ihre Kinder groß zu ziehen und ihnen den Kampfgeist weiterzugeben. Ob sie nun Raum auf den Seiten der Geschichte finden oder nicht, ist die Wahrheit nicht zu leugnen, dass es ihre Opfer und ihre Stärke waren, die geholfen haben unsere Unabhängigkeit zu erlangen. Für diese armen, einfachen Dorffrauen, die gleichzeitig gegen Feinde auf der persönlichen und auf der nationalen Ebene kämpfen mussten, geht der Kampf weiter.“ Es wird Zeit, den persönlichen Einsatz von Frauen im Unabhängigkeitskrieg in der öffentlichen Auseinandersetzung angemessen zu honorieren, ihnen staatliche Unterstützung zu ermöglichen und die Täter von 1971 endlich zur Rechenschaft zu ziehen.

Literaturhinweise

  • Ibrahim, Neelima. Ami Birangona Bolchi – Ich, die Kriegsheldin, spreche (2 Bände). Dhaka: 1994, 1995.
  • Guhathakurta, Meghna. „Rape is a War Crime“, in Bulletin of Ain o Salish Kendra, February. Dhaka: 1996.
  • Akthar, Shaheen, Suraiya Begum, Hameeda Hossain, Sultana Kamal & Meghna Guhathakurta. Narir Ekattor O Juddhoporoborti Koththo Kahini. Dhaka: 2001.
  • Mookherjee, Nayanika. ‚A Lot of History‘: Sexual Violence, Public Memories and the Bangladesh Liberation War of 1971. London: 2002.
  • Bose, Sarmila “Anatomy of Violence: Analysis of Civil War in East Pakistan in 1971“, in Economic and Political Weekly. Mumbai: 08.10.2005.
  • Amin, Aasha Mehreen, Lavina Ambreen Ahmed und Shamim Ahsan: „Tales of Endurance and Courage“. 2006.

Patrizia Heidegger arbeitet als politische Beraterin und ist Mitglied dieser Redaktion.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Erinnerung und Gegenwart - 40 Jahre Unabhängigkeit Bangladeschs". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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