Wahrheit, nicht Bestrafung

Chancen in der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen nutzen

Von Jalal Alamgir

Schmerzhaft müssen wir anerkennen, dass ein großer Teil der Welt die Ereignisse von 1971 vergessen hat, obwohl das aktuelle Kriegsverbrechertribunal in den nächsten Monaten große Aufmerksamkeit bekommen wird. Man mag verstehen, warum dieses Jahr in den pakistanischen Schulbüchern nicht auftaucht. Doch der Völkermord, einer der schlimmsten in der Geschichte, erlangt selbst in westlichen Forschungseinrichtungen kaum Aufmerksamkeit. Die Ursachen für dieses Vergessen liegen vor allem in Bangladesch selbst begründet.

Kriegsverbrechen waren 1971 allgegenwärtig – das ist eine Tatsache. Überall im Land gefundene Massengräber, pakistanische Dokumente, Todeslisten einheimischer Kollaborateure sowie Berichte, Fotografien und Videomaterial von Journalisten sind eindeutige Beweise. Und nicht zuletzt gibt es auch noch die Augenzeugenberichten von Überlebenden. Doch erstaunlicherweise sind diese Verbrechen auch 40 Jahre später noch nicht gerichtlich aufgearbeitet worden. Die Täter bleiben unerkannt, oftmals geschützt durch obskure Interessen verschiedener politischer Kräfte im Land. Wer hat es getan? Wer ist verantwortlich für die Massaker? Wer hat die Täter im Nachhinein beschützt? Warum ist die Geschichte des Genozids noch immer so schwer fassbar?

In Bangladesch hat Opportunismus nach dem kollektiven Trauma von 1971 eine sich ständig vermehrende Ungerechtigkeit erzeugt. Den Anfang machte Indien mit der Rückführung pakistanischer Kriegsgefangener. An sich eine gängige Praxis, doch außergewöhnlich in einer Situation, in der zuvor ein Völkermord stattgefunden hat. Bereits am 28. März 1971 sendete der US-amerikanische Diplomat Archer Blood ein Schreiben mit dem Titel „Selektiver Völkermord“ nach Washington. Er klagte: „Hier in Dhaka werden wir stumme und entsetzte Zeugen eines mit Terror regierenden pakistanischen Militärs.“ Obwohl die Nixon-Administration Pakistan unterstütze, beschreibt ein anderer US-Offizieller dem Time Magazine die Situation im August 1971 mit klaren Worten: „Dies ist die unglaublichste, berechnendste Sache seit den Tagen, als die Nazis in Polen waren.“

Indien und Pakistan, beides Länder die die Völkermord-Konventionen ratifiziert haben, wären dazu verpflichtet gewesen, Kriegsverbrechen umfassend zu untersuchen. Optimisten erwarteten nach Kriegsende, dass die Rädelsführer, die von der Regierung Bangladeschs als Kriegsverbrecher identifiziert wurden, ausgeliefert würden, um in Bangladesch vor Gericht gestellt zu werden. Doch Indien war darauf aus, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Zulfikar Ali Bhuttos [Anm. d. Red.: Damaliger Präsident Pakistans] Trumpfkarten waren die in Pakistan gestrandeten Bengalen und die guten Verbindungen zu China, der Arabischen Liga und den USA – alles Parteien, die Bangladesch für sich gewinnen musste, um als Nationalstaat anerkannt zu werden. Ohne Erfahrungen auf dem internationalen Parkett und taumelnd infolge der Massenzerstörung, hatte Bangladesch damals nicht die diplomatischen Fähigkeiten, die Kriegsverbrechen angemessen aufzuarbeiten.

Aber unsere größten Versäumnisse seitdem sind auf nationaler Ebene und nicht auf der internationalen Bühne geschehen. 1982 veröffentlichte das Informationsministerium eine offizielle Geschichte des Unabhängigkeitskrieges. Doch bis heute existieren keine eindeutigen Berichte über die zweifelhaften Entscheidungen nach 1971, die zu Verhaftungen, Freisprechung, Befreiung und zum Wiedereinsetzen von aus Bangladesch stammenden Kriegsverbrechern in politische Schlüsselpositionen geführt haben. Wenn der erste Rückschlag das Versäumnis war, pakistanische Kriegsverbrechen zu verurteilen, dann war der zweite Rückschlag, dass bengalische Kollaborateure nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Viele Menschen, die unter Kriegsverbrechen gelitten haben, betrachten die 1973 von Sheikh Mujibur Rahman ausgesprochene Amnestie für Kriegskollaborateure als ungerechte Entscheidung [Anm. d. Red.: Ausgenommen von der Amnestie waren Personen, die an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren]. Der erste Schritt in einer Spirale von Straflosigkeit, von der das Land heute noch gezeichnet ist.

General Ziaur Rahman verhalf mutmaßlichen Kriegsverbrechern der Jamaat-e-Islami wieder auf die politische Bühne, indem er sie wieder an Wahlen teilnehmen ließ. Zusätzliche politische Zugeständnisse durch General Ershad verhalfen der Partei, wieder zu einer einflussreichen politischen Macht zu werden. Es waren auch diese beiden Anführer gewesen, die islamische Symbole in den politischen Diskurs eines Landes integrierten, dessen Bevölkerung zuvor auf Kosten eines Genozids einen auf Religion basierenden Nationalismus abgelehnt hatte.

Unverständliche Entscheidungen – zumal die Beweggründe nicht offen mit der Bevölkerung kommuniziert worden waren. Sollten die Millionen Menschen, die Familienmitglieder verloren haben, einfach ihr normales Leben fortsetzen, weil den Kollaborateuren von einzelnen Personen außergerichtlich eine Amnestie erteilt wurde? Wie konnte Ziaur Rahman, einer der Helden des Unabhängigkeitskriegs, mit denen gemeinsame Sache machen, die mit Kriegsverbrechen gegen seine eigenen Landsleute beschmutzt waren? Wie konnte die Bangladesh Nationalist Party (BNP), die für sich beansprucht eine nationalistische Partei zu sein, Führungspositionen in Ministerien an diejenigen verteilen, die dem Land die Unabhängigkeit versagt hatten? Und wie konnte die Awami League mit Jamaat-Politikern kooperieren, als sie Verbündete in den Bewegungen gegen Ershad und die BNP brauchte?

So war die größte Sünde unserer Politik nach 1971 nicht die diktatorischen Entscheidungen der frühen politischen Führung des Landes, sondern die Entscheidung aller großen Parteien mit den mutmaßlichen Kollaborateuren des Völkermordes zu kooperieren, sofern es denn zweckdienlich war. Diese Zusammenarbeit gab den Kriegsverbrechern eine politische Legitimation, die kein Militärdiktator hätte bieten können. Bis heute kennen wir nicht alle Gründe, warum damals diese Entscheidungen getroffen wurden. Und so ist die Wahrheit das größte Opfer unserer Kriegsverbrecher-Politik. So gründet die Bevölkerung ihre Aussöhnung mit der Geschichte weiterhin auf Vermutungen, persönliche Neigungen und eine Vielzahl umstrittener Einzelinformationen. Das ist nicht genug. Wir müssen wissen; ich muss wissen.

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Als Professor komme ich oft mit Studenten in Kontakt, die ihre Schullaufbahn an englischsprachigen Schulen in Bangladesch durchlaufen haben, ohne auch nur eine einzige Fotografie der Gräueltaten von 1971 gesehen zu haben. Einige von ihnen haben solche Aufnahmen erstmals zu Gesicht bekommen, als wir im Jahr 2006 eine Fotoausstellung an der Harvard Universität organisiert haben. Ein Besucher berichtet, dass seine Schule in Dhaka verboten hatte, ein Theaterstück über die Unabhängigkeit aufzuführen, weil es beleidigende Wörter wie Raz-akar [Anm. d. Red.: Eine von der pakistanischen Armee gegründete paramilitärische Miliz aus pro-pakistanischen Bengalen und Biharis] enthielt. Dies ist mit Sicherheit kein Einzelfall gewesen.

Seit 1971 versuchen die Kollaborateure von damals die Erinnerungen an ihre Taten zu löschen. Während der 1980er und der frühen 1990er Jahre wurde der Lehrplan an staatlichen Schulen geändert, um ihre Rolle herunter zu spielen. Wörter wie Razakar wurden gestrichen. Seitdem lernten Schulkinder, dass unsere Freiheitskämpfer einen abstrakten Gegner namens Hanadar Bahini [Anm. d. Red.: Zu Deutsch „angreifende Armee“] bekämpft haben. Es war beabsichtig, diesen vermeintlich gesichtslosen Tätern keine nationale oder religiöse Identität zu geben. Erst im Dezember 2007 nahm die Übergangsregierung wieder die offizielle Geschichtsschreibung von 1982 in die Lehrbücher an den Schulen auf. Doch auch diese Geschichte ist nationalistisch geprägt: Sie glorifiziert die eine Seite und negiert die andere, ohne die unangenehmen Schattierungen in den Zwischenräumen zu analysieren.

Die Zeitzeugen der Massaker in unserem Land betrachten die Wahrheit über Kriegsverbrechen und die Täter als augenscheinlich. Sie ist es nicht. Einerseits ließen die zuvor beschriebenen Revisionen der Geschichtsschreibung durch nationalistische und islamistische politische Kräfte die Identitäten von Kriegsverbrechern verschwinden. Andererseits verhärtete sich die Haltung der „liberalen Modernisierer“, da sie sich von den Regierungen verraten fühlten. Auch sie bestanden darauf, dass nur ihre Version der Geschichte legitim ist. Erst vor kurzem diskutierte ich auf einer Konferenz mit einem bangladeschischen Wissenschaftler, der sich darüber beschwerte, dass Pakistanis den Unabhängigkeitskrieg noch immer als Bürgerkrieg betrachten. „Nun ja, es ist ein Bürgerkrieg“, entgegnete ich, „doch es ist auch ein Sezessionskrieg, ein Krieg gegen Kolonialismus, ein Guerillakrieg und ein Befreiungskrieg.“ All diese Etiketten sind gleichzeitig zutreffend. Ließe man nur eine Definition als gültig zu, so würde dies unser Verständnis darüber was geschehen ist limitieren. Er war bestürzt, dass ein Bangladeschi so etwas sagen konnte.

Genau darin liegt die Gefahr: Seit der Unabhängigkeit haben wir uns eine politisierte Sichtweise auf die Geschichte aufgebürdet, die uns dazu zwingt, ausschließlich die eine Sicht oder die andere zu akzeptieren. Für kritische Fragen sind wir nicht offen und so bleibt uns die vollständige Geschichte von 1971 versagt. Wir werden zu Fanatikern: entweder durch Zustimmung oder Ablehnung. Wir müssen diesen Fanatismus hinter uns lassen und endlich mit einer reflektierten Suche nach der Wahrheit beginnen. Wenn in diesem Prozess Gegenstimmen aufkommen, dann sollen sie gleiches Gehör und gleiche Öffentlichkeit finden. Die dunklen Seiten von 1971 müssen mit Hilfe einer offenen Diskussion beleuchtet werden, auch die Verbrechen gegen die Biharis [Anm. d. Red.: Siehe Artikel ab Seite 23].

In diesem Prozess werden auch Fragen über unsere Geschichte nach 1971 an die Oberfläche kommen. Die Regierung darf diese Fragen nicht unterdrücken, auch wenn dadurch Kindheitsfreundschaften auf die Probe gestellt, Geschäftsinteressen betroffen oder politische Koalitionen belastet werden. Aber aufgrund genau dieser Verflechtungen in den letzten 40 Jahren werden am Ende dieses Prozesses wohl nur wenige formal bestraft werden. Die pakistanischen Rädelsführer sind durch Verträge gesichert, andere ausländische Unterstützer der Kriegsverbrechen sind außerhalb unserer Gerichtsbarkeit. Diese partielle Gerechtigkeit kann nur dadurch moralisch legitimiert werden, dass man sich dazu verpflichtet, die unzensierte und ungeschönte Wahrheit zu erzählen.

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In Bezug auf das aktuelle Kriegsverbrechertribunal möchte ich folgende Punkte anbringen.

Wir sollten uns bewusst machen, dass Gerechtigkeit, aufgrund jahrzehntelanger komplexer, geheimer und interessengesteuerter politischer Vereinbarungen nur bedingt gesprochen werden wird – obwohl diese notwendig und dringlich ist.

Um der Wahrheit die höchste Priorität zu geben, sollten wir der Forderung nach der Todesstrafe wenig Aufmerksamkeit widmen. Dies war schon ein Fehler bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg: Damals wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die Anwendung unmenschlicher Methoden, nämlich durch das Erhängen der für schuldig befundenen Angeklagten, bestraft. Der große Erfolg von Nürnberg liegt jedoch nicht in den Urteilen selbst, sondern in der Konfrontierung der Täter im Gerichtssaal mit den Verbrechen, an denen sie beteiligt waren. Erstmals in unserer Geschichte haben wir ein offiziell eingerichtetes Forum, um die Berichte der Augenzeugen von 1971 anzuhören, ohne dass diese dabei Angst vor Vergeltung haben müssen. Die Regierung muss bestrebt sein, dafür die weltweite Aufmerksamkeit zu bekommen.

Obwohl nur die nationalen Kollaborateure vor Gericht stehen werden, sollte unser Ziel sein, der Welt anhand eines offenen und fairen Prozesses zu zeigen, wer alles für den Völkermord verantwortlich ist. Auch wenn viele der Täter außerhalb unseres Gerichtsbarkeit sind. Eine neue Generation Pakistanis könnte dann eine andere Version ihrer Geschichte hören, als diejenige, die ihnen bisher erzählt wurde. US-Amerikaner könnten davon erfahren, welche unehrenhafte Rolle ihre damalige politische Führung gespielt hat.

Dies ist der Hauptgrund, warum die Verhandlungen durchgeführt werden müssen. Todesstrafen würden nur von dem Gerichtsverfahren ablenken [Anm. d. Red.: Diese sind ohnehin aus menschenrechtlicher Perspektive abzulehnen] und den Fokus auf das Urteil selbst richten. Sie würden Kontroversen entfachen und die nationale und internationale Akzeptanz des Tribunals enorm reduzieren. Wir dürfen uns diese einmalige Chance nicht verbauen. Die Identifizierung der Täter und ihrer Kollaborateure ist ein weitaus größerer Erfolg, als es eine reine Bestrafung sein kann. Das Tribunal könnte uns sogar dabei helfen, aus dem Strudel zweckdienlicher Partnerschaften und von Vergeltung auszubrechen, der bis heute unsere politische Kultur prägt.

Jalal Alamgir ist Professor der Politikwissenschaft an der Universität von Massachusetts in Boston und Mitglied der Südasien-Initiative an der Harvard Universität sowie der Menschenrechtsorganisation Drishtipat. Der hier in einer gekürzten Verfassung veröffentlichte Beitrag erschien erstmals im Juni 2010 im Forum-Magazin des Daily Star.

Übersetzung: Kai Fritze.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Erinnerung und Gegenwart - 40 Jahre Unabhängigkeit Bangladeschs". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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