Biharis in Bangladesch

Auch nach 40 Jahren nicht integriert

Von Toni Kaatz-Dubberke

Die schmalen Wege Patgodams, einem Ortsteil der Stadt Mymensingh im Norden Bangladeschs, sind aufgeweicht vom Regen des vergangenen Tages. Obgleich die dicht aneinander gebauten Häuser aus Ziegeln gebaut sind, befinden sie sich in sehr schlechtem Zustand. Die Kinder sind neugierig auf den Besucher aus dem Ausland. Die Mädchen ziehen dabei rasch den Schleier vors Gesicht. Hier lebt eine Gemeinschaft, die 1947 eingewandert ist und von denen viele Urdu oder lokale Dialekte des Hindi als Muttersprache hat. In Bangladesch nennt man sie die Biharis. Die Biharis – das sind die Anderen.

Ich werde ins Haus von Shakir Ali, dem lokalen Vertreter der Gemeinschaft eingeladen. Ein prächtiger schneeweißer Bart und eine Hornbrille umrahmen sein freundliches Gesicht. Die Geschichte seines Lebens und seiner Familie ist die von drei Staaten und einer Menge Blut und Tränen. 1944 wurde er im heutigen indischen Bundesstaat Uttar Pradesh geboren. Nach der Teilung der britischen Kolonie in Zwei Staaten – Pakistan und Indien - flüchtete die muslimische Familie in den Ostteil des gerade entstandenen Staates Pakistan, wo sie einen sicheren Zufluchtsort erwarteten. Millionen muslimischer Flüchtlinge aus dem Punjab, Uttar Pradesh, West-Bengalen und anderen indischen Bundesstaaten verließen ihre Heimat. Die meisten Flüchtlinge kamen nach Westpakistan. Etwa 100.000 bis 300.000 Menschen flüchteten aus den östlichen Teilen von Uttar Pradesh und Bihar nach Ostpakistan, daher die Bezeichnung „Biharis“.

Alis Familie musste sich in ihrem neuen bengalischsprachigen Umfeld in Mymensingh aus dem Nichts eine neue Existenz aufbauen. Glücklicherweise fand der Vater rasch einen Job bei der Eisenbahn. Auch Shakir Ali begann mit 16 Jahren als Lokführer zu arbeiten, was guten Lohn und Unterkunft sicherte. Wie vielen der Neuankömmlinge nutzte ihm der Umstand, dass, gegen den Widerstand der bengalischen Mehrheit, Urdu auch in Ostpakistan als alleinige Amtssprache eingeführt werden sollte. Andere arbeiteten für Verwaltung, Polizei oder Armee und standen loyal zu Pakistan. Was zunächst ein Vorteil war, entpuppte sich jedoch bald als Alptraum.

Biharis, urdusprechende Personen, gestrandete Pakistanis?

Neben dem Sammelbegriff Biharis existieren noch eine Reihe weiterer Bezeichnungen für diese Bevölkerungsgruppe in Bangladesch: urdusprechende Personen, Nicht-Bengalen oder gestrandete Pakistanis. Keine von ihnen ist völlig zutreffend oder völlig falsch, alle sind jedoch politisch aufgeladene Zuschreibungen. Urdu und der Islam waren aber die wichtigsten Merkmale, die diese Flüchtlinge miteinander verbanden. Heute sprechen längst nicht mehr alle von ihnen und insbesondere ihren Nachkommen Urdu. Eine endgültige Identitätsdefinition wird daher auch dieser Artikel nicht versuchen.

Zwischen den Stühlen

In den Augen der bengalischen Mehrheit war die pakistanische Staatssprache Urdu Symbol der Unterdrückung der bengalischen Identität durch den westlichen Teil des Landes. Schon 1952 gab es Studentenunruhen, bei denen es um die Rolle der bengalischen Sprache ging. Die Sprache wurde zum Vehikel des Widerstands, die schließlich zur Loslösung Bangladeschs von Pakistan führte. Die Rolle der Biharis im Unabhängigkeitskrieg war uneindeutig. Tatsächlich kämpften sie auf beiden Seiten. Als im Dezember 1971 die Sezession der Bengalen von Westpakistan vollzogen wurde, saßen die verbleibenden Biharis zwischen allen Stühlen. Viele Bengalen sahen in ihnen die lästigen Überbleibsel der verhassten pakistanischen Gewaltherrschaft und ließen sie das auch spüren.

Über Nacht verlor Shakir Ali Job und Eigentum, galt als Verräter und Feind des bangladeschischen Volkes. Die indische Armee konnte nur mit Mühe die blutigen Racheaktionen an den Biharis in Mymensingh eindämmen. Sie sammelte rund 600 Familien ein, die verängstigt über die ganze Stadt verstreut waren und sorgte für ihre Umsiedlung in ein Flüchtlingslager, in dem die Gemeinschaft bis heute lebt. Ähnliches geschah im ganzen Land. Aufgrund ihrer unsicheren Lage entschied sich die Mehrheit der Biharis bei einer Befragung, zu welchem Staat sie sich selbst zählten – Indien, Pakistan oder Bangladesch – für Pakistan, in der Hoffnung auf Hilfe aus Islamabad. Einer Übereinkunft zwischen Indien, Pakistan und Bangladesch folgend, evakuierten die Pakistaner rund 100.000 Nicht-Bengalen, vor allem Offizielle und deren Familienangehörige. Alis Bruder schaffte die Ausreise über Beziehungen, während der Rest der Familie in Bangladesch festsaß. Über 300.000 Menschen, „gestrandete Pakistaner“ genannt, blieben isoliert und staatenlos in slumartigen Lagern zurück.

Staatenlos in Südasien

Shakir Ali arbeitet heute als Nachtwächter und ist gleichzeitig der lokale Vorsitzende einer Organisation, die sich seit Jahrzehnten für die Aussiedlung der Biharis einsetzt. Die Organisation appellierte immer wieder vor allem an Pakistan. Zwar ist die Angelegenheit regelmäßig Thema in pakistanischen Wahlkämpfen gewesen. Doch es war nur allzu deutlich, dass es dabei vor allem um die Stimmen der Bihari-Familien ging, die noch Angehörige in Bangladesch haben. Faktisch hat Islamabad die Biharis trotz Lippenbekenntnissen seit 1974 sitzen lassen und schiebt Dhaka immer wieder dafür die Verantwortung zu. Aber auch wechselnde Regierungen in Bangladesch schoben die Ausreisefrage der Biharis auf die lange Bank. Zugeständnisse aus humanitären Gründen waren die Befreiung von Miete und Kosten für Elektrizität in den Lagern sowie monatliche Nahrungsmittellieferungen, die jedoch 2003 gestoppt wurden. Das UN-Flüchtlingshilfswerk fühlte sich unterdessen nicht zuständig für die größte Gruppe Staatenloser in Südasien.

„Wir wollen nicht länger nach Pakistan, sondern akzeptiert werden als bangladeschische Staatsbürger. Alle unsere Kinder sind hier geboren und aufgewachsen“, fasst Ali die aktuelle Position der Gemeinschaft zusammen. Er hofft, dass mit der Staatsbürgerschaft auch eine Art Kompensation für das Verlorene folgt. Vor allem die junge Generation denkt längst nicht mehr daran, das Land zu verlassen in dem sie geboren ist, wie Mohammad Hasan erzählt. Zusammen mit seiner Jugendorganisation hat er bis hinauf zum Obersten Gericht gegen die Wahlkommission auf das Recht zu wählen geklagt. Die Anerkennung des Wahlrechts ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer legalen Anerkennung als Staatsbürger. In zwei wegweisenden Urteilen entschied das Gericht klar zu Gunsten der Kläger und forderte die Wahlkommission auf, alle nach 1971 auf bangladeschischem Territorium Geborenen in die Wahlverzeichnisse aufzunehmen.

Rolle der Biharis in der Unabhängigkeitsbewegung

Nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Sprache und Kultur verlief die Integration des durch die indische und pakistanische Unabhängigkeit im Jahr 1947 ausgelösten Flüchtlingsstroms im damaligen Ostpakistan schwierig. Viele der so genannten Biharis unterstützten die politischen Entscheidungen aus Westpakistan und setzten sich beispielsweise für die Einführung von Urdu als Nationalsprache Pakistans ein – ein klarer Widerspruch zur bengalischen Sprachbewegung im Jahr 1952. Auch in den anderen entscheidenden Phasen der Unabhängigkeitsbewegung standen viele Biharis politisch auf der Seite Westpakistans. So wurden bereits vor Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges im Jahr 1971 Biharis von Separatisten verfolgt und getötet. Im Krieg ergriffen viele Biharis im Verbund mit der pakistanischen Armee die Waffe, um die Unabhängigkeitsbestrebungen gewaltsam zu beenden und waren so aktiv an Kriegsverbrechen an der bengalischen Bevölkerung beteiligt. Nach Kriegsende als „pakistanische Kollaborateure“ gebrandmarkt, so Professor Willem van Schendel, wurden sie Opfer von Vergeltungsschlägen: „Es kam zu Morden an tausenden Nicht-Bengalen und der Vertreibung von über einer Millionen Menschen aus ihren Häusern, die Zuflucht in überfüllten slumartigen Siedlungen suchen mussten. Auch heute lebt ein Großteil der Biharis in Armut, Isolation und Unsicherheit.“
(Niko Richter)

Langer Weg zur Integration

Damit hatten sie Erfolg. Bei der letzten Parlamentswahl im Dezember 2008 konnten die Biharis so erstmals voll von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Auch von den rund 5.000 Einwohnern von Patgodam haben die meisten ihren Wahlausweis erhalten, der gleichzeitig als Personalausweis dient. Eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse ist jedoch noch in weiter Ferne. Mit dem Recht zu wählen, ist keine neue Wasserstelle hinzugekommen. Noch immer teilen sich rund 1.000 Menschen eine Pumpe. Die sanitären Bedingungen sind katastrophal.

Einer weiteren Einladung folgend komme ich ins Gespräch mit Mohammad Hussein und seiner Familie. Er war 17 Jahre alt, als aus Ostpakistan Bangladesch wurde und lebt seitdem in Patgodam. Seine Geschichte liest sich wie die vieler anderer Menschen seiner Generation. Husseins Kinder sind alle hier geboren, haben die Gräueltaten von 1971 nicht miterlebt, müssen aber mit der aktuellen Situation umgehen. Seine Tochter Liza, eine aufgeweckte 16-Jährige, weiß, dass der Weg aus der Armut über Bildung führt. Allerdings sehen sich die Biharis in der Schule Diskriminierungen durch Lehrer und Mitschüler ausgesetzt, wie sie berichtet: „Die Bengalen sind nicht interessiert an uns. Auch die Lehrer machen Unterschiede.“ Ihr Cousin Hira habe daher die Schule abgebrochen.

Liza hingegen hat ihre Prioritäten gesetzt und besucht weiterhin die Schule. Ihr Freundeskreis beschränke sich jedoch auf die anderen Biharis, die an ihre Schule gingen. Abgesehen vom Schulbesuch verlässt sie den Slum nie. Eine Tages will Liza aber weg aus Patgodam und ihrem Bruder Raju folgen, der jüngst sein Ingenieurs-Diplom an der Universität in Mymensingh erfolgreich abgeschlossen und einen Job bei einer privaten Baufirma gefunden hat. Interessant ist sein Lebenslauf, den der Vater bereitwillig zeigt. Mit einem vielsagenden Lächeln weist er auf den Teil „Sprachen“ hin: Bengalisch und Englisch, nicht aber Urdu sind da vermerkt. Auch die Adresse ist nicht in Patgodam, sondern ein anderer Ort in Mymensingh. „Wir müssen unsere Identität verstecken, wenn wir unter Bengalen gehen wollen. Sonst würden sie uns nie akzeptieren“, kommentiert er. In den jüngeren Generationen wird überwiegend Bengalisch gesprochen, Urdu ist auf dem Rückzug.

Die Ressentiments der Bengalen gegenüber den Biharis sitzen tief. Noch immer ist die Ansicht verbreitet, dass Biharis nicht nach Bangladesch passen und besser nach Pakistan auswandern sollten. Auch mehr als zwei Jahre nach der Anerkennung als Staatsbürger liegt noch ein langer Weg vor der Bihari-Gemeinschaft bis zur vollen Integration.

Zuerst veröffentlicht auf: urbanpovertyinbangladesh.blogspot.com

Toni Kaatz-Dubberke war in Bangladesch von März bis September 2009 als Praktikant für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) – seit Januar 2011 Deutsche Gesellschaft für Internationale Zu-sammenarbeit (GIZ) – tätig. Er ist Politikwissenschaftler und freier Journalist aus Leipzig.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Erinnerung und Gegenwart - 40 Jahre Unabhängigkeit Bangladeschs". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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