Verkrustete Strukturen aufbrechen

Die Arbeit von Menschenrechts-Aktivisten in Bangladesch

Von Kai Fritze

Es ist Abend. Dunkelheit, herbstliche Kälte und dichte Nebelschwaden haben sich über das kleine, an einem Fluss gelegene Dorf Kotalipur im Norden Bangladeschs gelegt. Hier und dort flackert das Licht einer Gaslampe am Bug eines kleinen Fischerbootes. Abgesehen davon erliegt das öffentliche Leben in Kotalipur mit Einbruch der Dunkelheit völlig.

Heute Abend stimmt das nicht ganz. Plötzlich hört man die Stimmen einiger Männer. Sie argumentieren aufgebracht, diskutieren lautstark. Denn auf einem zentralen Platz findet ein Shalish statt. So bezeichnet man in Bangladesch informelle Gerichte, die sich meist aus den Dorfältesten und Eliten zusammensetzen. Einberufen werden sie, um über soziale Streitfälle und manchmal auch über Verbrechen zu urteilen, die eigentlich in den Aufgabenbereich eines ordentlichen Gerichtes fallen und von den Shalishs gar nicht bearbeitet werden dürften. Doch die informellen Gerichte sind im ländlichen Bangladesch sehr weit verbreitet und haben gesellschaftlich einen hohen Stellenwert. Verkrustete Strukturen werden von vielen Menschenrechts-Aktivisten kritisiert: die in der Regel männlich besetzten Shalishs würden missbraucht, um Macht auszuüben, patriarchalische und vermeintlich religiöse Werte durchzusetzen. In vielen Fällen sind Frauen die Leidtragenden.

Gewalt gegen Frauen

Trotz großen Fortschritten, die Bangladesch in den letzten Jahren bezüglich der Erreichung vieler Millenniumsentwicklungsziele verzeichnen konnte, ist die Frauenrechts-Situation im Land noch immer schwierig. Häufig werden ihre Rechte missachtet, ihnen wird Gewalt angetan. Frauen sind sehr häufig häuslicher Gewalt ausgesetzt, verübt durch ihre Ehemänner und Familienangehörige. Laut Weltgesundheitsorganisation sind 57,5% der Frauen in Bangladesch von sexueller oder physischer Gewalt betroffen. Die Ursachen sind vielfältig: dysfunktionale Strukturen staatlicher und nicht-staatlicher Institutionen beim Schutz von Menschenrechten, verkrustete patriarchalische Machtverhältnisse sowie schlecht funktionierende Gerichte, Polizei oder Behörden. All das hat gravierende negative Auswirkungen auf den Schutz und die Wahrnehmung von Rechten von Frauen.

Bei einem Shalish wie dem in Kotalipur werden meist Fälle wie der von Morzina Begum (Anm. d. Red.: Name geändert) verhandelt. Morzina ist mit 23 Jahren die jüngste Tochter des Tagelöhners Sajahan Kabir. Sie lebt bis heute in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, und verlässt es nur selten. Nachdem ihre älteren Schwestern verheiratet wurden, war sie an der Reihe. Ihre Familie handelte die Hochzeit mit einer Familie aus demselben Dorf aus. Beide Familien einigten sich auf die Zahlung einer Mitgift von umgerechnet 500 Euro. Für viele arme Familien aus dem ländlichen Bangladesch ein Betrag, der nur durch Verschuldung aufzubringen ist. So auch für Morzinas Familie. Doch trotz der Vereinbarung zwischen den Familien wurde Morzina kurz nach der Hochzeit verstoßen. Nach wenigen Tagen schickten ihre Schwiegereltern sie wieder zurück in ihr Elternhaus und veranlassten die Scheidung. Die Mitgiftzahlung behielten sie.

Obgleich Frauen Besitzgegenstände und ihre Arbeitskraft in den gemeinsamen Haushalt einbringen, können sie für den Fall einer Scheidung keinerlei Ansprüche erheben, es sei denn, dies ist ausdrücklich in einem – oftmals nicht vorhandenen – Ehevertrag festgelegt. Selbst wenn ein solcher Vertrag existiert, wird sich in den meisten Fällen nicht daran gehalten. Landesweit werden laut des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF 66% der Mädchen unter 18 Jahren verheiratet, obwohl das gesetzliche Mindestalter für Frauen bei 18 Jahren liegt. Mehr als ein Drittel der Mädchen wird demnach sogar vor dem 15. Lebensjahr verheiratet. Mitgiftzahlungen sind trotz des gesetzlichen Verbots weiterhin gängige Praxis. Zusätzlich zu ihren Aufgaben im Haushalt tragen gerade Frauen durch Lohnarbeit im landwirtschaftlichen und informellen Sektor immer mehr zum Familieneinkommen bei. Doch ihre Entlohnung liegt bei vergleichbarer Tätigkeit weit unter dem männlichen Lohnniveau.

Gewalt gegen Frauen

Der renommierten bangladeschischen Menschenrechtsorganisation Ain o Shalish Kendra (ASK) zufolge wurden im Jahr 2011 mindestens 59 Frauen in Folge von Urteilen eines Shalishs oder einer Fatwa, ein rechtlich nicht bindendes Rechtsgutachten eines muslimischen Gelehrten, gefoltert.

Auswertungen zufolge wurde in den Medien im Jahr 2011 von 936 Vergewaltigungen – 105 der Frauen wurden anschließend getötet und 28 begangen Selbstmord – 501 mitgiftbedingten Gewalthandlungen gegen Frauen und 62 Säure-Angriffen auf Frauen berichtet. Dies sind nur die Fälle, über die berichtet wurde, die tatsächlichen Zahlen schätzt ASK dramatisch höher ein.

Gesetzlich sind Frauen ebenfalls benachteiligt: Die gegenwärtigen zivilgesetzlichen Regelungen für Muslime, 90% der Bevölkerung, und Hindus, 8% der Bevölkerung, in Bangladesch hinsichtlich Eheschließung und -auflösung diskriminieren Frauen in vielfacher Form. Sie zementieren ihre sozial und wirtschaftlich benachteiligte Stellung in der Gesellschaft. So ist Polygamie für muslimische und hinduistische Männer erlaubt. Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sehen vielen Menschen in Bangladesch diese Praxis als nicht mehr zeitgemäß an; besonders in den ländlichen Regionen haben aber noch immer viele Männer mehr als eine Ehefrau. Muslimische Männer haben das Recht, eine Ehe einseitig aufzulösen; bei Hindus sind Scheidungen nicht erlaubt. Zur Zahlung von Unterhalt für die geschiedene Frau sind muslimische Männer zwar verpflichtet, faktisch bleiben die Zahlungen auch auf Grund gesetzlicher Defizite in den meisten Fällen jedoch aus.

Auflehnung

Doch es tut sich etwas im ländlichen Bangladesch. Das Beispiel Kotalipur kann stellvertretend stehen für einen Umbruch, eine Auflehnung gegen die Unterdrückung und das Einstehen für die eigenen Rechte: Denn heute Abend diskutieren nicht nur die Männer über das Schicksal der Menschen im Dorf. Auch Frauen sind unter den Anwesenden. Sie gehören einer Gruppe an, die sich in der Region für ihre eigenen Rechte, aber auch für die Rechte derer einsetzt, die alleine keine Stimme haben. Sie sind Menschenrechtsverteidigerinnen.

Nargis Rahman ist 67 Jahre alt, sie stammt aus dem Dorf Jugia Hatpara im Süden Bangladeschs. Sie ist Mutter, Hausfrau, arbeitet auf einer Hühnerfarm und sie ist Menschenrechtsverteidigerin. Sie hat schon an vielen Shalishs teilgenommen. Derzeit ist sie die Vizepräsidentin ihrer Menschenrechtsgruppe, in der sie schon seit 14 Jahren aktiv ist. Sie sagt: „Inzwischen können wir uns problemlos für diejenigen unserer Gemeinschaft einsetzen, für die sonst niemand einstehen würde. Viele Menschen unterstützen uns dabei. Früher war das schwieriger. Beispielsweise wurde in unserem Dorf 2003 ein Mädchen von ihrem Nachbarn vergewaltigt. Ich brachte sie erst ins Krankhaus, dann meldeten wir gemeinsam mit der Gruppe den Fall an die Polizei. Doch der Vergewaltiger ließ seine politischen Kontakte spielen: Erst versuchten sie es mit Bestechung, dann drohten sie mich auch zu vergewaltigen, wenn die Anklage nicht fallengelassen würde. Erst als ich eine NGO und den Distriktkommissar einschaltete, ließen sie mich in Ruhe. Vier Jahre später wurde der Vergewaltiger zu 25 Jahren Haft verurteilt.“

Lokale Menschenrechtsgruppen sind nachweislich wichtige Akteure der Menschenrechtsarbeit in Bangladesch, doch ihre Effektivität hängt stark von ihrem Know-how und der Bereitschaft zu kontinuierlicher Wachsamkeit der Gruppenmitglieder ab. Das Bewusstsein für Menschenrechte ist im Allgemeinen und insbesondere auch innerhalb benachteiligter Bevölkerungsgruppen noch immer weit davon entfernt, eine gesellschaftlich akzeptierte Menschenrechtskultur zu unterstützen beziehungsweise aufrecht zu erhalten.

Gute Perspektive

Auch wenn die Frauen in Bangladesch bis zum Erstreiten gleicher Rechte noch einen weiten Weg vor sich haben, so ist der Aufbruch, mit Hilfe der lokalen Menschenrechtsverteidiger, der Zivilgesellschaft und Menschenrechtsorganisationen deutlich sichtbar. Früher wären Morzina Begum die Hände gebunden gewesen. Als geschiedene Frau hätte sie ihr Gesicht verloren, soziale Ausgrenzung wäre die Folge gewesen. Doch der Rechtsbeistand einer NGO half ihr nicht nur ihr Gesicht im Dorf zu wahren, sie legte offiziell bei der zuständigen Behörde Beschwerde ein. Ihr wurde Recht gegeben und die Familie ihres kurzzeitigen Ehemannes wurde verpflichtet, die Mitgift zurückzubezahlen. Morzina lebt nun wieder mit ihren Eltern und kann als Lehrerin arbeiten. Das wäre in der Vergangenheit nach einer Scheidung kaum vorstellbar gewesen. Nargis Rahman sagt: „Vielleicht liegt es an meinem Alter, vielleicht an der Erfahrung. Doch heute habe ich als Menschenrechtsverteidigerin in Jugia Hatpara praktisch keine Hürden mehr zu überwinden. Die Dorfgemeinschaft steht hinter unserer Gruppe und die Lokalverwaltung ebenso. Früher war das Bild genau umgekehrt. Kaum jemand wollte mit uns zusammenarbeiten.“ Dass ein Großteil der Frauen in Bangladesch Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt sind, zeigt, dass dies eher noch eine Ausnahme ist. Doch zeigt Nargis Rahman auch, dass sich engagierte, mutige Menschen für die Rechte derer einsetzen, die allein ihre Stimme nicht erheben können. Es zeigt, dass Menschen vor Ort gewillt sind, dort anzupacken, wo Unrecht geschieht.

Kai Fritze ist Redaktionsleiter der Bangladesch-Zeitschrift NETZ.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 03-04/2013 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Bangladesch bewegen - Frauen und Männer kämpfen für Gleichberechtigung". Die Zeitschrift können Sie hier bestellen.

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