Menschliche und physische Barrieren

Menschen mit Behinderung können ihre Potentiale kaum nutzen

Das Rehabilitationszentrum für Paralyse-Patienten (Centre for the Rehabilitation of the Paralysed, CRP) in einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka vereint Forschung und praktische Hilfe für Menschen mit Behinderung. Valerie Taylor ist stellvertretende Direktorin und kennt Probleme, Stigmata und das große Potenzial ihrer Patienten.

NETZ: Laut Handicap International leben 50 Prozent der Menschen mit Behinderung in Bangladesch in Armut. Warum?

Valerie Taylor: Menschen mit Behinderung haben in Bangladesch sowie in vielen anderen Entwicklungsländern kaum die Chance, ihre Potenziale zu nutzen. Ein Beispiel: das Mädchen, das in die Bibliothek will. Sie sitzt im Rollstuhl und vor dem Eingang sind eine Menge Stufen. Das ist eine für sie unüberwindbare Barriere und symbolhaft für das Problem. Armut entsteht, weil diesen Menschen Hindernisse in den Weg gelegt werden. Mehrere unserer Mitarbeiter hatten in ihrer Kindheit Polio. Der Zutritt zur Schule und somit die Chance auf Bildung wurde ihnen damals aufgrund der Behinderung verwehrt.

NETZ: Es handelt sich also um ein menschengemachtes Problem?

Taylor: Es gibt sehr gebildete Menschen mit Behinderung, die sich auf eine Stelle bewerben und zum Vorstellungsgespräch gehen. Sobald der Chef sieht, dass sie in einem Rollstuhl sitzen, haben sie keine Aussicht mehr auf den Job. Es ist die oft negative Einstellung von Unternehmern etwa, die dem Bewerber keine Chance geben wollen - selbst wenn er einen Masterabschluss vorweist. Die Situation wandelt sich nur sehr langsam. Man kann heute zwar Stellenanzeigen finden, in denen Menschen mit Behinderung ermutigt werden, sich zu bewerben. Doch alles in allem gibt es noch zu viele Hindernisse.

NETZ: Was ist das größere Problem für Betroffene: reale physische Barrieren oder die Art und Weise, wie über Menschen mit Behinderung geurteilt wird?

Taylor: Ich denke es ist beides. Es gibt klare physische Barrieren: hohe Gehsteigkanten, viele Treppen und fehlende Rollstuhlrampen. Mobilität ist also ein Problem. Beim Ein- und Aussteigen in den Bus oder auf ein Boot muss immer eine Begleitung dabei sein, die hilft. Aber genauso schwer wiegen die mentalen Barrieren der Gesellschaft. Stellen sie sich vor, eine Frau fällt aus einer Rikscha, bricht sich die Wirbelsäule und eine Behinderung ist die Folge. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass ihr Ehemann sie sofort danach wegen der Behinderung verlässt und sogar die Familie sich von ihr abwendet.

NETZ: Welche Rolle spielt Aberglaube bei solchen Vorurteilen?

Taylor: Eine Stigmatisierung der Betroffenen entsteht durch Gerede, vor allem in Dörfern. Dort wird eine Behinderung oft als Strafe Gottes für ein vorheriges Fehlverhalten interpretiert. Dorfärzte verordnen mitunter sehr fragwürdige und furchteinflößende Behandlungen: Menschen mit Behinderung sollen sich zur Heilung in den Boden eingraben oder in einem bestimmten Fluss baden. Diese Ärzte sind einflussreich in ländlichen Gebieten. Man sollte versuchen, sie auszubilden, sodass sie weiter in der Gemeinschaft arbeiten, aber den Menschen tatsächlich helfen können.

NETZ: Macht Bangladesch dennoch Fortschritte in Sachen Inklusion?

Taylor: Es lässt sich ein langsamer Wandel erkennen und es ist jedes Mal eine sehr freudige Nachricht, wenn man davon hört, dass etwa ein blindes Mädchen einen Studienplatz bekommt. Wir haben in unserem Büro einen jungen Mann, der früher Polio hatte. Er kann sich nur auf Händen und Knien fortbewegen, besuchte dennoch die Universität in Dhaka und hat seinen Abschluss in Sprachwissenschaften gemacht. Heute unterrichtet er die Sprachtherapeuten unserer Einrichtung. Das ist ein Beispiel mit Signalwirkung. Es muss aber noch viel mehr passieren.

NETZ: Zum Beispiel Erleichterung beim Zugang zum Arbeitsmarkt?

Taylor: Ohne Zweifel muss die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt deutlich verbessert werden. Vor allem wenn man sich die Zahl der Menschen mit Behinderung in Städten vergegenwärtigt. Der Zugang zu Textilfabriken und somit die Möglichkeit, dort zu arbeiten, ist für Rollstuhlfahrer beispielsweise oft unmöglich.

NETZ: Welche Formen staatlicher und nicht-staatlicher Unterstützung gibt es für Menschen mit Behinderung?

Taylor: Die staatliche Unterstützung ist sehr gering. Es gibt Zahlungen für ältere Menschen, aber die decken nicht annähernd die Bedürfnisse der Betroffenen. Wir von CRP versuchen die Patienten zu schulen, sodass sie wieder zu Hause ein kleines Geschäft eröffnen, am Computer arbeiten oder selbst Kleidung nähen können. Durch unsere Schulungen können die Betroffenen wieder zum Einkommen ihrer Familien beitragen.

NETZ: Welchen Ansatz verfolgt Ihre Organisation CRP?

Taylor: Wir setzen uns für eine ganzheitliche Rehabilitation ein. Es geht nicht nur darum, die körperliche Reha voranzutreiben und es den Menschen zu ermöglichen, sich mit dem Rollstuhl oder Krücken wieder fortbewegen zu können. Seelischen Beistand und Begleitung brauchen die Betroffenen ebenfalls, genau wie ökonomische Reha, das bedeutetSchulung und Ausbildung, sodass die Menschen wieder eine Arbeits- und Lebensgrundlage bekommen. Nicht zu vergessen ist zuletzt die soziale Rehabilitation.

NETZ: Was muss man unter sozialer Rehabilitation verstehen?

Taylor: Wie werden die Betroffenen wieder zurück zu Hause ihren Alltag meistern? Werden sie dazu verdammt sein, von da an den ganzen Tag untätig auf ihrem Bett zu sitzen oder sind sie selbstsicher und fahren nun eben einfach mit dem Rollstuhl so wie sonst jeden Freitag zum Gebet in die Moschee? Sind sie mit der Behinderung selbstbewusst genug, unter Leute zu gehen, im Dorf einzukaufen oder am Brunnen Wasser zu holen? Während sie in Behandlung bei uns sind, sollen die Leute lernen, ihr Leben trotz Behinderung voll auszuschöpfen und ihr ganzes Potenzial nutzen.

NETZ: Was kann getan werden, um die Zahl der Behinderungen einzudämmen?

Taylor: Es gibt zu wenig Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten für eine Vielzahl der Menschen mit Behinderung. Denken Sie an Rückenmarksverletzungen: Wir sind die einzige Einrichtung dieser Art in einem Land mit 160 Millionen Menschen. Besonders tragisch ist es, wenn beispielsweise ein Baby mit Klumpfuß geboren wird. Das Problem ist erkennbar und durch einfachste therapeutische Maßnahmen könnte ihm geholfen werden. Aber wenn dieses Baby nicht vom ersten Tag die simple, aber wichtige Behandlung bekommt, wird es später vollkommen eingedrehte Füßen haben - ein irreparabler Schaden, der vermeidbar gewesen wäre.

NETZ: Was tut die internationale Gemeinschaft, um die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung in Bangladesch zu verbessern?

Taylor: Wenn man zurückschaut auf die vergangenen 35 Jahre, seit denen CRP aktiv ist, erkennt man viele Veränderungen. Die Bemühungen zur Inklusion von benachteiligten Gruppen und vor allem von Menschen mit Behinderung sind in den letzten Jahren größer geworden. Viele internationale Hilfsorganisationen unterstützen inzwischen aktiv Menschen mit Behinderung und fördern die Inklusion in ihren Programmen. Aber auch hier muss mehr getan werden.

NETZ: Zum Beispiel?

Taylor: Ich denke vor allem an die Prävention von Unfällen. Die Zahl der Verkehrsunfälle ist extrem hoch. Erst vor kurzem wurde in den Nachrichten berichtet, dass es in Bangladesch kaum ausgebildete Ersthelfer gibt, die sich um Unfallopfer kümmern können. Außerdem dauert es oft Stunden, während denen die Opfer von einem Krankenhaus zum anderen gehen müssen, bis sie wirklich behandelt werden. Außerdem muss die Unfallverhütung im Haushalt und an Arbeitsstätten verbessert werden. Die Regierung unternimmt nicht annähernd genug, ist aber in der Verantwortung, das umzusetzen.

NETZ: Frau Taylor, vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Sven Wagner

Info: Die Britin Valerie Taylor kam 1969 nach Bangladesch. Sie wurde Zeugin der Unabhängigkeit des Landes, eröffnete eine kleine Physiotherapie-Klinik in den Chittagong Hill Tracts und gründete die Organisation CRP. Heute ist CRP eine der bekanntesten Einrichtungen des Landes, die zum Thema Behinderung arbeitet. Das Zentrum hat Plätze für 130 Patienten, bietet Physio-, Ergo- und Sprachtherapie an und bildet Krankenpfleger aus.