Im Alltag

Menschen mit Behinderung erzählen von tagtäglichen Herausforderungen

Mizanur, 31 Jahre, Programm-Koordinator beim Rehabilitationszentrum für Paralyse-Patienten (CRP)
"Ich erfahre sehr viel Diskriminierung aufgrund meiner Behinderung. Viele Menschen in Bangladesch haben Vorurteile. Sie glauben, dass Bildung für Menschen mit Behinderung unnötig ist, da sie ohnehin nicht in der Lage sind, zu arbeiten und ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu führen."

Mit einem Jahr litt Mizanur an Polio. Seither sind seine beiden Beine bewegungsunfähig und stark unterentwickelt. Heute ist er beruflich sehr erfolgreich und geht sehr selbstbewusst mit seiner körperlichen Einschränkung um. Er arbeitet für die Organisation CRP - das größte Rehabilitationszentrum für Menschen mit Behinderung in Bangladesch - und leitet dort ein Programm, das Kindern mit Behinderung Zugang zu Bildung ermöglicht. Sein Ziel ist es, Menschen zu helfen, die sein Schicksal teilen. Mizanur musste sich Bildung und beruflichen Erfolg hart erkämpfen. In seiner Kindheit war sein Schulweg ohne Hilfe unüberwindbar. Daher musste er sich den Schulstoff von klein auf zu Hause beibringen. Erst in der 10. Klasse erhielt er seinen ersten Rollstuhl und konnte im benachbarten Studentenwohnheim wohnen. Eine der größten Herausforderung während des Studiums bestand darin, dass die Infrastruktur der Universität nicht auf Menschen mit Behinderung ausgerichtet ist. Im Jahr 2007 schloss er sein Studium erfolgreich ab. Viele Arbeitgeber trauten ihm jedoch aufgrund seiner körperlichen Einschränkung nicht zu, für sie zu arbeiten. Erst zwei Jahre nach seinem Abschluss fand er schließlich eine Anstellung bei der Organisation CRP.

Feroj, 32 Jahre, Teebudenbesitzer
"Meine Nachbarn und die anderen Gemeindemitglieder bringen mir sehr viel Respekt entgegen, da ich trotz meiner körperlichen Einschränkung einer ehrenwerten Arbeit nachgehe. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen mir und einer körperlich nicht eingeschränkten Person."

Feroj lebt in Korail, bekannt als das größte Slum Dhakas. Im Alter von fünf Jahren erkrankte er an Polio. Seither ist sein linkes Bein gelähmt. Trotz seiner körperlichen Einschränkung möchte er als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt werden und meistert sein Leben mit Optimismus und viel Willensstärke. Aufgewachsen ist er zusammen mit zwei jüngeren Geschwistern in einem kleinen Dorf im Süden Bangladeschs. Die Behandlungskosten für Ferojs Krankheit stürzten die Familie in eine finanzielle Krise. Aus dieser Not heraus zogen sein Vater und Feroj in die Stadt Chittagong. Während sein Vater seinen Lebensunterhalt als Rickscha-Fahrer verdiente, half Feroj in einem kleinen Restaurant aus. Als Jugendlicher zog er schließlich nach Dhaka, da er sich dort mehr Gehalt erhoffte. Mittlerweile hat er sich mit einer kleinen, mobilen Teebude eine eigene Existenz aufgebaut. Er ist sehr stolz darauf, seine Frau und seinen 5-jährigen Sohn selbstständig versorgen zu können. Zu schaffen macht ihm allerdings die Polizei: Da er seinen Tee am Bürgersteig verkauft, muss er regelmäßig Schmiergeld zahlen, damit seine Teebude nicht konfisziert wird. Sein Traum ist es darum, ein eigenes Restaurant zu eröffnen.

Kiron, 40 Jahre, Bettlerin

"Mit zehn Jahren haben mich meine Eltern verheiratet. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater damals eine hohe Mitgift an die Familie meines Ehemannes zahlte. Alles in allem war ich zufrieden mit unserer Ehe. Doch vor zehn Jahren hat mein Mann mich und unsere drei Kinder ohne Vorwarnung verlassen. Ich glaube, dass mein Mann mich aufgrund meiner Behinderung verlassen hat."

Kiron lebt in Dhaka auf der Straße. Seit sie in ihrer frühen Kindheit unter Typhus litt, sind beide Beine bewegungsunfähig. Sie hatte nie die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Bereits mit zehn Jahren wurde sie an einen Rikscha-Fahrer verheiratet. Aus dieser Ehe entstanden drei Kinder; keines von ihnen hat die Grundschule erfolgreich abgeschlossen. Als ihr jüngster Sohn gerade einmal ein Jahr alt war, verließ ihr Ehemann sie Hals über Kopf. Seither hat er jeglichen Kontakt zu ihr und seinen Kindern abgebrochen. Kiron ist seit dem Tod ihres Vaters alleine für ihre Mutter und ihren jüngsten Sohn verantwortlich. Ihre Mutter lebt zusammen mit Kirons Sohn in einem Vorort von Dhaka. Kiron selbst ist jedoch auf das Betteln in der Innenstadt angewiesen, weshalb sie in der Nähe eines Sees im Stadtteil Dhanmondi lebt. In ihrem Alltag kämpft sie mit zahlreichen Widrigkeiten. Die körperliche Hygiene ist für Kiron ein großes Problem. Zudem ist sie mit ihrem provisorisch gebauten Rollstuhl wenig mobil und kann weder Treppen noch Bordsteinkanten überwinden. Um ihre verschiedenen Bettel-Standorte zu erreichen, ist sie stets auf Hilfe anderer angewiesen, was von denjenigen ausgenutzt wird, die mit den Bettlern Dhakas Geld verdienen. Um mobil zu sein und günstige Standorte zum Betteln nutzen zu dürfen, muss Kiron rund 50 Prozent ihrer Einnahmen an Hintermänner abgeben.

Rina, 55 Jahre, Bettlerin

 

"Nachdem ich meinen einzigen Sohn verloren hatte, war ich psychisch am Ende. Ich hatte mich aufgegeben. Erst als meine Schwester mir ihren 3-jährigen, spastisch gelähmten Sohn überlies, ging es wieder bergauf mit mir. Mich um ihn kümmern zu können, hat mich gerettet."

Rina bewohnt einen kleinen Abschnitt eines Bürgersteigs in der Innenstadt Dhakas. Alles, was sie besitzt, ist ein wenig Geschirr und eine Plane, mit der sie sich und ihren Pflegesohn vor Regen schützen kann. Rakib ist 18 Jahre alt und eigentlich der leibliche Sohn ihrer Schwester. Doch Rina hat ihn wie ihr eigenes Kind aufgezogen. Er ist mit einer schweren spastischen Lähmung auf die Welt gekommen und konnte daher nie Laufen und Sprechen lernen. Dennoch ist Rina dankbar dafür, dass sie sich um ihn kümmern darf. Er ist ihr Lebensmittelpunkt. Sie musste viele Schicksalsschläge in ihrem Leben erleiden. Sowohl ihr Mann als auch ihr einziger Sohn sind früh verstorben. Vor allem der Tod ihres Sohnes war für sie ein schwerer Schicksalsschlag. Rakib hat ihr über diese schwierige Zeit hinweg geholfen. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, bettelt Rina. Zwar erhält sie Sozialleistungen vom Staat für ihren behinderten Sohn, doch dies reicht den beiden nicht zum Leben aus. Einen großen Teil ihres Einkommens gibt Rina für Essen aus, denn sie hat keine Möglichkeit, auf dem Bürgersteig zu kochen. Es fällt ihr sehr schwer, ihren Sohn zu pflegen. Sie muss ihn regelmäßig waschen und seine Kleidung täglich reinigen, was sie nur im nahe gelegenen See erledigen kann.