Zustand der Machtlosigkeit

Behinderungen sind Ursache und Folge von Armut in Bangladesch

Die kleine Dorf-Moschee mit ihren bunten Ornamenten, Menschen, die dort über den Hof gehen und saftig grüne Reisfelder rundherum - das sind die letzten Erinnerungen von Jahir, die letzten Bilder, die er gesehen hat. Dann begann es dunkel um ihn zu werden. Jahir saß auf dem Hof der Moschee und war mit seiner Arbeit beschäftigt: Körbe und Matten aus Bambus flechten. Jeder Handgriff muss dabei sitzen, die Kanten des Gehölzes sind scharf. Jahir beherrschte sein Handwerk schon viele Jahre. Doch während er in jenem Moment zwei Streben mit einem Kabel zusammenbinden wollte, kam der Schreck, der Schicksalsschlag, der sein Leben veränderte. Er rutschte mit der Hand ab, das Kabel schnellte zurück und stach in sein rechtes Auge.

Sechs Jahre ist das her. Jahir lebt noch im selben Dorf, in Mondolpara, und im selben Haus wie damals. Doch der 49-Jährige lebt seitdem in einer anderen Welt. Nach dem Unfall brachten ihn Nachbarn in die Distriktstadt Rangpur ins Krankenhaus. Vier Stunden bemühten sich Ärzte um ihn. Jahirs Auge war nicht mehr zu retten. Es kam sogar viel schlimmer. Nach und nach litt sein gesundes Auge unter der größeren Belastung und wurde schwächer. Nur sechs Monate nach dem Unfall war er völlig erblindet.

Jahir zählt zu den zwischen fünf und 15 Prozent der Bevölkerung Bangladeschs, die mit einer Behinderung leben - von Geburt an, durch Unfälle oder als Folge von Unterernährung, Krankheiten und mangelnder medizinischer Versorgung. Das bangladeschische Zentrum für die Entwicklung von Menschen mit Behinderung (Centre for Disability in Development, CDD) geht von dieser Zahlenspanne aus. Es gebe keine gesicherten Angaben, sagt Nazmul Bari, Direktor des CDD. Der nationale Verband von Organisationen, die Menschen mit Behinderung unterstützen, hat 2005 festgestellt, dass mehr als fünf Prozent der Bevölkerung Bangladeschs eine Behinderung haben. Die Zahl werde anerkannt von den meisten Nichtregierungsorganisationen, erklärt Bari. Im "Weltbericht Behinderung" der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2011 wird der Anteil sogar auf bis zu 15 Prozent geschätzt. CDD verweise grundsätzlich auf beide Zahlen, da diese Frage umstritten sei.

Vielfältige Probleme

Unumstritten ist allerdings, dass Menschen mit Behinderung in Bangladesch mit vielfältigen Problemen konfrontiert sind und als benachteiligte Gruppe im sozialen Gefüge des Landes gelten. Im Bezug auf Inklusion und Teilhabe kommt dem Staat sowie der Gesellschaft besondere Verantwortung zu. Insbesondere in ländlichen Regionen lässt sich aber beobachten, dass Integration im Grunde rein vom privaten Umfeld Betroffener abhängt und umgesetzt wird. Unterstützung kommt vor allem von Nichtregierungsorganisationen. Es gibt zwar das 2013 verfügte "Gesetz zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung", das Studienplatzquoten oder behindertengerechte Sitzplätze im öffentlichen Nahverkehr vorsieht, um Diskriminierung zu verhindern. Hinzu kommen Zahlungen aus einem staatlichen Sozialprogramm und Schüler-Stipendien. Doch der Bedarf, sagt Bari, sei deutlich höher als die vorhandenen Mittel. Abgesehen davon mangelt es vor allem auf dem Land an staatlich geförderten Arbeitsstätten, an Schulen, die den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung gerecht werden oder an Reha-Kliniken. Deshalb kommt vor allem der Familie und den Nachbarn Betroffener besondere Verantwortung zu. Sie sind Halt und Hilfe zugleich.

Jeder Gang ist gefährlich

Aus dem Dunkel seines Hauses bewegt sich Jahir nach draußen. In der linken Hand hält er einen Blindenstock und tastet sich damit voran. Die rechte ergreift seine Frau Ambia, nachdem er an der Türschwelle ins Stocken gerät. Die Familie teilt sich einen Hof mit den Nachbarn. Hier fühlt sich Jahir gut aufgehoben. Doch es bedeutet zugleich Abhängigkeit. Jahir kann sich außerhalb des Hauses nicht ohne Hilfe fortbewegen. Im Dorf gibt es viele Hindernisse: schmale Sandstraßen, nicht abgezäunte Teiche, Bäume und Wurzeln am Weg, scharfe Kanten von Hausdächern, die gefährlich in Kopfhöhe herunterragen. Jeder Gang, den er allein macht, birgt Gefahren.

Schlimmer für ihn ist jedoch die seelische Belastung. Er hat keine Möglichkeit, zu arbeiten oder im Haushalt zu helfen. "Ein einzelner Tag fühlt sich für mich an wie ein ganzes Jahr", sagt der großgewachsene Mann und legt die Stirn in Falten. Er wirkt betrübt, wenn er darüber nachdenkt. "Ich kann nichts tun, nur den ganzen Tag im Haus sitzen." Man merkt, wie sehr der Unfall diesen gestandenen Mann ins Wanken gebracht hat. Er erzählt von seinen Töchtern, die jüngste geht noch zur Schule, für die ältere hatte Jahir noch vor seiner Erblindung einen Ehemann gefunden. "Nach der Hochzeit kam der Unfall - ich habe beide dann nie mehr als Ehepaar sehen können."

Sorgen um ihre Existenz muss sich die Familie bisher nicht machen. Sie hat Hühner, Ziegen und ein Stück Pachtland, um die sich Jahirs Frau kümmert. All das bringt wesentlich mehr Einkommen, als die nur etwa 3,50 Euro, die Jahir als Unterstützung aus dem staatlichen Sozialprogramm monatlich bekommt. Wie es in Zukunft weitergeht, weiß aber keiner. Was, wenn die Unterstützung der Nachbarn nicht mehr wäre, die Jahirs Frau bei der Versorgung des Viehs helfen? Was, wenn die jüngste Tochter, die im Haushalt mithilft, heiratet und auszieht? Was, wenn Jahirs Frau nicht mehr körperlich arbeiten kann?

Menschen zweiter Klasse?

"Behinderung und Armut hängen zusammen", beschreibt Nazmul Bari von CDD die Situation in Bangladesch. So könne Armut einerseits der Grund für eine Behinderung sein, aber auch die Folge davon. Erstens: Je riskanter eine Arbeit, desto größer das Risiko einer Behinderung durch langfristige Schäden oder plötzliche Arbeitsunfälle. Betroffen sind die ärmsten Menschen: Tagelöhner, die auf Feldern arbeiten und schwere Reissäcke mit bloßen Händen heben oder Arbeiter auf Müllkippen in der Stadt.

"Auf der anderen Seite ist eine Behinderung einer der Hauptgründe, in Armut abzurutschen", sagt Bari. Die Lebensumstände ändern sich schlagartig: zusätzliche Kosten für Behandlung und Rehabilitation, das Einkommen fällt schlimmstenfalls ganz weg, für die Pflege Betroffener müssen die Angehörigen Zeit investieren und können selbst weniger zum Einkommen beitragen. Eingeschränkte Mobilität und weniger Partizipation innerhalb der Gesellschaft sind weitere Folgen. Bari spricht davon, dass Menschen mit Behinderung in einem "Zustand der Machtlosigkeit" sind - nicht zuletzt, weil sie mit einem Stigma belegt seien und die Gesellschaft sie als Menschen zweiter Klasse betrachte.

Unweit von Jahirs Haus liegt die Siedlung Bottopara. Dort steht vor einem kleinen Wellblechhaus ein einzelner Mangobaum - das Ein und Alles von Latifa. Die 42-Jährige schleppt sich, nur auf ihre Arme gestützt, morgens aus ihrem Haus zu dem Baum und sitzt bis zum Abend darunter. Sie ist seit über 15 Jahren gelähmt, lebt allein und hat, anders als Jahir, kaum Unterstützung seit ihr Ehemann vor vielen Jahren starb. "Als ich zwei Jahre alt war und laufen lernte, bekam ich Typhus", erzählt die schmächtige Frau. Ihr sanftes Lächeln wirkt paradox, vergegenwärtigt man sich die Situation: Ein Dorfarzt hatte sie falsch behandelt.

Als sie heranwuchs wurden die Folgen der Erkrankung schlimmer, ihre Bewegungen langsamer und schmerzvoller. Hinzu kam das wenig nahrhafte Essen: kaum Fisch und Fleisch, wenig Proteine - Latifas Familie war arm. Wegen ihres Zustandes wurde sie früh mit einem Mann verheiratet, der eine geistige Behinderung hatte. "Behinderte sollten nur Behinderte heiraten", beschreibt Latifa eine auf dem Land verbreitete Praxis.

Recht auf Rente

Als ihr Ehemann starb, war Latifa bereits komplett gelähmt. Vor ihrem Haus steht heute ein Rollstuhl, den sie selbst nicht bedienen kann. Wenn sie versucht, sich hineinzuhieven, zittert sie vor Anstrengung. Ihr Körper ist ausgezehrt, sie muss rasch aufgeben und lehnt sich zurück an den Stamm des Mangobaums. Nachbarn bringen ihr ab und zu Gemüse und Reis und versorgen Latifas zwei Enten und Hühner. "Aber die haben selten Zeit, weil sie sich selbst um ihre Haushalte kümmern müssen", erklärt sie.

Unter großer Anstrengung hat Latifa sich eine Rente erstritten. Mehrfach musste sie den weiten Weg zur Lokalverwaltung antreten. Wie viele der ärmsten Menschen wusste sie anfangs nicht von ihrem Recht auf eine Rente. Ein Gespräch mit Behörden finde im Grunde nie auf Augenhöhe statt, erklärt Nazmul Bari dazu. "Menschen mit Behinderung haben oft wenig Zuversicht, wenn sie einem Beamten gegenübersitzen." Latifa bekam die Zusage schließlich nur, weil eine wohlhabende Nachbarsfamilie sich für sie eingesetzt hatte. Monatlich erhält sie etwa drei Euro.

Jahir und Latifa sind nur zwei Beispiele von vielen, die zeigen, vor welchen Herausforderungen Bangladesch beim Thema Inklusion steht. Zwar wird durch Verbesserungen des Gesundheitssektors erreicht, dass weniger Mädchen und Jungen mit einer Behinderung zur Welt kommen oder durch Krankheiten im Kindesalter eine Behinderung bekommen. Mit dieser Verbesserung geht aber auch eine höhere Lebenserwartung einher. Die Folge: Menschen mit Behinderung leben länger und altersbedingte Behinderungen nehmen deutlich zu. Prävention ist also eine Sache. Wichtig ist es aber auch, dass Menschen mit Behinderung als gleichwertiger Teil der Gesellschaft akzeptiert und ihre Bedürfnisse ernstgenommen werden. Sei es durch Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt, Teilhabe an politischen Entscheidungsfindungen oder faire staatliche Unterstützung. Nur so kann Inklusion gelebt und das Recht der Betroffenen auf ein Leben in Würde verwirklicht werden.