Besorgniserregende Sichtweisen

Die UN-Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen, ihre Ursachen und Konsequenzen zur Situation in Bangladesch

Von Rahida Manjoo

Während meines Besuches vom 19. bis zum 29. Mai 2013 in Bangladesch habe ich von staatlichen wie von nichtstaatlichen Akteuren viele Informationen über die vielfältigen Erscheinungsformen von Gewalt gegen Frauen, die Ursachen und die Konsequenzen erhalten. Mit Besorgnis habe ich festgestellt, dass patriarchalische Einstellungen sowie stereotype Sichtweisen auf die Rolle und Aufgaben der Frau weiterhin vorherrschen. Solche Einstellungen und Verhaltensweisen führen dazu, dass die Diskriminierung von Frauen und Mädchen fortbesteht und tragen dazu bei, dass weiterhin Gewalt gegen sie verübt wird.

Die häufigste Form der Gewalt gegen Frauen in Bangladesch ist häusliche Gewalt. Zirka 60% der verheirateten Frauen berichten, dass sie Gewalt durch ihre Ehemänner oder angeheirateten Verwandten erfahren haben. Andere Formen der Gewalt beinhalten verschiedene Formen der sexuellen Gewalt, beispielsweise Vergewaltigung und sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit. Von Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen auf Grund von Ethnie, Kaste, indigener Herkunft, Behinderung oder Arbeit wird ebenfalls oft berichtet. Ebenso mitgiftbedingte Gewalt, Zwangs- oder Frühehen, Säureattentate, psychologische Gewalt durch den gesetzlichen Vormund, ökonomische Ausbeutung und Verschleppung über Grenzen hinweg. Schädliche religiöse Praktiken sind ebenfalls häufig.

Gesetze und institutionelle Mechanismen

Mich besorgen die Vorbehalte Bangladeschs in Bezug auf die Artikel 2 und 16.1 der UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau. Sie beziehen sich auf die grundlegende Verpflichtung des Staates, zur Beseitigung der Diskriminierung von Frauen unter dem Gesetz (Art. 2) beziehungsweise auf die Beseitigung von Diskriminierung in der Ehe und der Familie (Art. 16). Solche Vorbehalte sind mit der Konvention und ihrem Zweck unvereinbar und nach internationalem Recht unzulässig. Daher sollten sie zurückgezogen werden. Die Verfassung von Bangladesch garantiert gleiche Rechte für Frauen und Männer, allerdings nur in Sphären des Staates und der Öffentlichkeit, nicht aber im Privaten. Der konstitutionelle Schutz der Gleichheits- und Antidiskriminierungsrechte muss auf alle Bereiche ausgeweitet werden. Einige Anstrengungen wurden unternommen, um Frauen zu stärken und ihre politische Partizipation zu steigern, beispielsweise durch eine Quotenregelung. Ich finde es ermutigend zu sehen, dass hochrangige Ämter von Frauen bekleidet werden. Trotzdem besetzen Frauen lediglich 20% der Sitze im Parlament.

Die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen ist besonders hervorzuheben. Sie stellen sich fortwährend in den Dienst der Opfer von Gewalt. Sie bieten Beratung, Rechtshilfe, Obdach, Mikrokredite und andere Möglichkeiten Einkommen zu erwirtschaften an. Die grundsätzliche Verpflichtung, sich mit Eifer für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen einzusetzen, bleibt jedoch in der Verantwortung des Staates. Ich gratuliere der Regierung Bangladeschs dafür, dass sie es geschafft hat, Geschlechterparität in den Grundschulen und der weiterführenden Schulbildung herbeizuführen. Diese positive Entwicklung wurde beispielsweise durch Stipendien oder die Befreiung von Einschreibegebühren für Mädchen in ländlichen Gegenden möglich gemacht. Mich besorgen jedoch viele Dinge, die besonders bei Mädchen in ländlichen Gegenden weiterhin zu hohen Abbruchquoten führen: nichtregulierte religiöse Bildungseinrichtungen, die schädliche Stereotype verbreiten, Armut, Frühehen, Sicherheitsprobleme, das Anhalten von Gewalt gegen Mädchen, Belästigung sowohl durch Lehrer als auch durch Mitschüler und das Fehlen von geeigneten Toiletten für Mädchen. Fortwährende sexuelle Belästigung in den Schulen erzeugt große Bedrängnis und hat neben Schulabbrüchen sogar schon zu Selbstmorden geführt.

Klüfte und Herausforderungen

Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen setzen sich in Gesetz und Praxis fort. Zum Beispiel in Bangladeschs Zivilgesetz. Bezüglich Eheschließung, Trennung und Scheidung sieht es unterschiedliche Regelungen für unterschiedliche religiöse Gruppen vor. Männer haben zuweilen größere Befugnisse als Frauen. Viele Stimmen fordern von der Regierung die Einführung eines einheitlichen Familiengesetzes, das die Gleichbehandlung aller Bürgerinnen und Bürger fördert.

Zudem fehlt in Fällen von Gewalt gegen Frauen in der Regel eine effektive Umsetzung bestehender Gesetze. Obwohl es ein Strafgericht gibt, das mit Gewalt gegen Frauen und Kinder betraut ist, zögern viele Frauen vom Rechtssystem Gebrauch zu machen. Sie bemühen sich eher um eine alternative Konfliktlösung wie Schlichtungs- und Vermittlungsverfahren. Die Gründe beinhalten die Verzögerung von Gerichtsprozessen, Angst vor Vergeltung, Mangel an frauenfreundlichen Polizisten und Angst vor sozialer Stigmatisierung. Negativ wirkt sich auch aus, dass Berichterstattung, Dokumentation und die Sammlung von Beweisen oft so mangelhaft sind, dass sich Fälle nicht darauf stützen lassen. Ich hoffe, dass die Nationale Rechtshilfe Service Organisation (Anm. d. Red.: die staatliche Institution berät kostenfrei in Rechtsfragen) dabei hilft, diejenigen, die die Rechte von Frauen verletzen, effektiv zur Verantwortung nach dem geltenden Recht zu ziehen.

Über die Menschenrechtssituation von indigenen Minderheiten wurde ich in zahlreichen Treffen informiert. Die Frauen leiden unter vielfältigen Formen von Diskriminierung. Gewalt gegen indigene Frauen wird von Siedlern als Taktik angewandt, um ihnen Angst zu machen und sie von ihrem Land zu vertreiben. Dies hat in manchen Fällen zu Landlosigkeit geführt.

Aus dem Kutupalong-Flüchtlingskamp wird von sexueller und geschlechtsbezogener Gewalt berichtet. In dem Kamp in Cox’s Bazar leben Rohingya (Anm. d. Red.: eine muslimische Volksgruppe in Birma). Regierungsoffizielle verweigerten mir, die Situation vor Ort zu überprüfen.

Besorgniserregend ist zudem, dass die existierenden Programme darauf ausgelegt sind, Frauen in den Bereichen ökonomisch zu stärken, die traditionell als für Frauen „geeignet“ gelten. Dadurch werden geschlechterbasierte Stereotype in der Arbeitswelt aufrechterhalten. Ein Großteil der Arbeitskräfte im informellen Sektor, hauptsächlich in Textilfabriken, in der Hausarbeit, in der Garnelenzucht und in anderen Niedriglohnsektoren, sind Frauen. Die Arbeitsbedingungen, unter denen Frauen arbeiten, sind schlecht. Die Situation wird durch mangelnden Arbeitnehmerschutz im Arbeitsrecht verschlimmert. Dadurch steigt die Verwundbarkeit für Missbrauch und Ausbeutung. Migration von Frauen ins Ausland, um dort als Hausangestellte zu arbeiten, erhöht die Ausbeutung inner- und außerhalb Bangladeschs.

Im Hinblick auf das derzeitig schnelle Wirtschaftswachstum Bangladeschs, ist es dringend erforderlich, Praktiken entgegenzuwirken, die die Sichtweise fördern, dass Frauen billige Arbeitskräfte bestimmter Berufsgruppen sind. Es müssen Möglichkeiten in Sektoren geschaffen werden, in denen Frauen derzeit unterrepräsentiert sind. Das würde dabei helfen, den Kreislauf von Armut und Entmachtung zu durchbrechen und ihnen gleichberechtigte Berufschancen jenseits der Subsistenzwirtschaft zu eröffnen.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass es zwingend notwendig ist, dass der vielschichtigen und verschiedene Bereiche betreffenden Diskriminierung von Frauen gezielt entgegengewirkt wird. Ich kann nur betonen, dass es eines ganzheitlichen Lösungsansatzes bedarf, der beides adressiert: die individuelle Stärkung von Frauen und ebenso die sozialen, ökonomischen und kulturellen Barrieren, die die Realität ihres Lebens bestimmen.

Der hier in einer bearbeiteten Fassung abgebildete Bericht erschien erstmals am 29. Mai 2013 auf der Internetseite des Hochkommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen. Übersetzung: Benjamin Kühne.

Rashida Manjoo wurde im Juni 2009 vom UN-Menschenrechtsrat als Sonderberichterstatterin der Vereinten Nation über Gewalt gegen Frauen, ihren Ursachen und Konsequenzen berufen. Sie ist in Teilzeit als Professorin am Fachbereich für Öffentliches Recht an der Universität von Kapstadt tätig.


Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3-4/2013 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Bangladesch bewegen - Frauen und Männer kämpfen für Gleichberechtigung". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

Zurück zur Seite Menschenrechte