Schutz vor der Flut

NETZ unterstützt die Bevölkerung am Brahmaputra im Kampf mit den Folgen des Klimawandels

Von Peter Dietzel 

Kholil, Gadu und Riazur nehmen selbst die Schaufeln in die Hand, und mit ihnen weitere 200 Frauen und Männer. Denn darin sind sich alle in Jogmonirchar einig: So wie bisher kann es nicht weiter gehen.

In den letzten fünf Jahren stand die Schwemmlandinsel im oberen Lauf des Brahmaputra-Flusses drei Mal vollständig unter Wasser: 2002, 2004 und 2007. Ihre Bewohner flüchteten auf die Deiche am Festland. Da der Wasserpegel sehr schnell stieg, mussten die Familien in großer Eile ihre Hütten abbauen, um zu retten, was zu retten war. Doch viele Bambuswände versanken in den Fluten. Ziegen und Hühner ertranken. Und manche zuvor mühsam angeschaffte Kuh musste rasch verkauft werden, damit die Familie überleben konnte oder weil nicht genug Futter für sie vorhanden war. Der Überlebenskampf hier im Norden Bangladeschs ist sowieso schon hart. Die Fluten jedoch nehmen den Familien oft die letzten Mittel, mit denen sie ihren täglichen Reis erwirtschaften. Verarmung ist die Folge. Wer kein eigenes Land besitzt und mit Tagelohnarbeit seine Familie ernährt, den trifft der Verlust besonders hart. 

Immer schwerer wird es für die Menschen in Jogmonirchar, ihre Existenz wieder neu aufzubauen. Denn die Abstände zwischen den Katastrophen werden immer kürzer. Auch nichtstaatliche Organisationen, die in der Region arbeiten, sind mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert. Gana Unnayan Kendra und Udayan Swabolombee Shangsta fördern seit über 20 Jahren die Selbsthilfe der Bevölkerung in den Distrikten Gaibandha und Kurigram. Bisher ging es vor allem um ausreichendes Einkommen der Familien und die Schulbildung der Kinder. Doch immer häufiger müssen die NETZ-Partner Katastrophenhilfe leisten. Fast niemand bestreitet mehr den Zusammenhang mit der Erderwärmung: Die Regenmengen während des Monsuns nehmen zu. Die Gletscher im Himalaja, dem Quellgebiet des Brahmaputras, schmelzen stärker. Der zehn Kilometer breite Strom tritt in den Monaten Juli und August immer öfter über die Ufer. Auf einigen wenigen Inseln begann die Bevölkerung, unterstützt von den NETZ-Partnern, Mitte der 1990er Jahre Land aufzuschütten. Während der Flut im Sommer 2007 dienten diese Areale als Zufluchtsort. Doch viel zu wenige der höher liegende Flächen sind vorhanden. 

Nachdem das zerstörerische Hochwasser abgeflossen ist, droht eine Hungersnot in den nördlichen Distrikten. Allein können die Menschen diese Krise nicht bewältigen. Sie wollen aber keine Almosen, sondern Arbeit. Also geht es darum, Verdienstmöglichkeiten für die Landlosen zu schaffen. Der Schluss liegt nahe, dies mit dem Bau von Schutzmaßnahmen für künftige Fluten zu verbinden. Die lokalen Entwicklungsorganisationen und NETZ stürzen sich in die Arbeit. Zehn Flutschutz-Areale werden geplant. Das Bundesentwicklungsministerium bewilligt den Antrag und übernimmt 75 Prozent der Kosten. Der Rest stammt aus privaten Spenden und von der Bonner Organisation HELP. 

In zehn Gemeinden schüttet die Bevölkerung Flutschutz-Areale auf. Insgesamt 2.000 Menschen heben hierfür Erde aus. Schaufeln sie in Tragkörbe. Hieven diese auf den Kopf. Tragen sie. Schütten sie aus. Korb für Korb. Schicht für Schicht. Zwei Meter fünfzig hoch. Herbeischleppen, aufhäufen, feststampfen. Je Areal eine Fläche eineinhalb Mal so groß wie ein Fußballfeld. Morgens geht die Arbeit kraftvoll voran. Dann schmerzen Arme und Beine. Doch nach zwei Stunden denkt keiner mehr an den Schmerz. Im dumpfen Gleichmaß tut der Körper seine Pflicht. Kholil, Gadu und Riazur brauchen den Tagelohn, den sie auf der Baustelle bekommen, und alle anderen Familien auch. Viel ist es nicht, knapp 65 Euro-Cent für sechs Stunden Arbeit. Doch es bleibt mehr übrig, als wenn sie vorübergehend zum Arbeiten in die Stadt abwanderten. Für manche Familie ist es sogar die einzige Möglichkeit, regelmäßig etwas zu verdienen. Zwei Monate lang. 

Damit die Areale künftigen Fluten standhalten, muss vieles beachtet, beratschlagt, entschieden werden. In jeder der zehn Gemeinden wird ein Flutschutzkomitee mit elf Mitgliedern gegründet. Frauengeführte Haushalte werden besonders berücksichtigt. Mindestens fünf Frauen sind dabei, ebenso Vertreter der ärmsten Bevölkerung und ein Mitglied aus dem Gemeinderat. Bei der Wahl der Standorte muss das Erosionsrisiko berücksichtigt werden, die Erreichbarkeit für die Dorfbewohner und die soziale Verantwortlichkeit der Landbesitzer. Denn die Aufschüttung erfolgt auf privatem Land, ohne Pacht. Dies knüpft an die Traditionen der Landnutzung unter den Bewohnern der Schwemminsel an. Jede Familie, deren Land durch die Fluten weggespült wurde, erhält kostenfreies Siedlungsrecht auf einer Insel im Fluss. Die Nutzung des Flutschutz-Areals wird vertraglich festgelegt. 

Um Wassererosion zu verhindern, bauen die Arbeiter Drainagen. Das traditionelle Wissen der Inselbewohner wird dabei ebenso genutzt, wie der technische Sachverstand des Ingenieurs, der das Projekt betreut. Er überprüft immer wieder, dass der Neigungswinkel der Uferböschung stimmt. Auf jedem Flutschutz-Areal entsteht ein Dorfgemeinschaftshaus. Die Bauweise ist einfach und entspricht der bewährten örtlichen Tradition: Backsteinfundament mit Zement verputzt, Holzverstrebungen, Wände und Dach aus Wellblech. Die Zugänge sind behindertengerecht. Die Handpumpen liefern sauberes, arsenfreies Trinkwasser, auch bei Überschwemmung. Während der Flut bietet jedes Areal Zuflucht für 2.500 Menschen sowie den gesamten Viehbestand und alle beweglichen Güter. Bei starken Fluten bauen die Inselbewohner ihre Häuser ab und transportieren Dach und Wände auf Booten zu der höher liegenden Fläche. 

Jedes Flutschutzkomitee nimmt an einem Training in Katastrophenmanagement teil, bei dem auch die Frühwarnung thematisiert wird. Für die Instandhaltung ihres Areals sind die Komitees verantwortlich. Bisher liegen noch keine Erfahrungen vor, wie lange die Areale den Fluten trotzen. Auf jeden Fall müssen nach jeder Regenzeit etwaige Schäden ausgebessert werden. Um Notzeiten zu überstehen, ist jedoch weit mehr erforderlich. Die langfristige Entwicklungsarbeit von NETZ und seinen Partnern in der Region trägt dazu bei, dass immer mehr Familien ausreichendes Einkommen und finanzielle Reserven erwirtschaften. Bildung und der Aufbau von Selbsthilfestrukturen der Bevölkerung gehören dazu. Denn Schulbildung kann kein Hochwasser mit sich reißen. 

Mit schwieligen Händen setzen Kholil, Gadu und Riazur behutsam die Wurzeln in die Erde: Zur Befestigung der Uferböschung werden 300 Obstbäume auf jedem Areal gepflanzt. Gras schützt sie gegen Stürme. Den Ausstoß von Treibhausgasen, Hauptursache für die globale Erwärmung, kann die Bevölkerung am Brahmaputra mit ihren Schutz-Arealen nicht aufhalten. Doch gemeinsam mit lokalen Nichtregierungsorganisationen entwickeln sie ihre Strategien, um die Verarmung durch Fluten zu stoppen. NETZ unterstützt sie dabei. 

Peter Dietzel ist seit 30 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit mit Bangladesch tätig und Geschäftsführer von NETZ. 

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2-2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Klimawandel - Die Folgen für Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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