Eine absehbare Katastrophe

„25 Millionen werden zu Klimaflüchtlingen!“

Dr. Atiq Rahman, Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Bangladesh Centre for Advanced Studies (BCAS) und Preisträger des "Champion of the Earth Award 2008" des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), berichtet im Gespräch mit NETZ von den Auswirkungen des Klimawandels in Bangladesch. 

NETZ: Herr Rahman, Politiker und die Medien scheinen endlich auf das Thema Klimawandel aufmerksam geworden zu sein. Auf welche Veränderungen werden wir uns einstellen müssen? 

Atiq Rahman: Der Klimawandel ist die größte Bedrohung der Menschheit im 21. Jahrhundert. Das globale Klima ändert sich wesentlich schneller, als das noch vor wenigen Jahren angenommen wurde. Der 4. Sachstandsbericht des Weltklimarats der Vereinten Nationen sagt für die kommenden Jahre eine deutliche Zunahme von Naturkatastrophen voraus. 

Ursache hierfür ist vor allem die globale Klimaerwärmung. Die Polkappen und Gletscher schmelzen immer schneller. Dies ist ein Grund für den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels. Aufgrund der klimatischen Veränderungen nehmen Extremereignisse wie Fluten, Wirbelstürme, Dürren und Hitzewellen weltweit zu. Vor allem die globale Nahrungs- und Trinkwasserversorgung wird davon erheblich beeinträchtigt werden. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen. 

NETZ: Bangladesch wurde im Jahr 2007 von zwei Naturkatastrophen getroffen: von einer extrem starken Flut und vom Wirbelsturm Sidr. Sind die Auswirkungen des Klimawandels heute schon in Bangladesch sichtbar? 

Rahman: Das Verheerende an der Überschwemmung war, dass es sogar zwei Fluten in der Monsunzeit gab. Insbesondere die Menschen, die von der Landwirtschaft leben, wurden davon schwer getroffen. Das wenige Saatgut, das sie vor der ersten Flut retten konnten, haben sie direkt nach dem Rückgang des Wassers wieder ausgesät. Als dann die zweite, noch stärkere Flut kam, haben sie alles verloren. Das hat es so in unserem Land noch nicht gegeben. Am schlimmsten getroffen wurden die Ärmsten der Armen. 

Aufgrund der geographischen Lage ist Bangladesch einer der am meisten gefährdeten Staaten der Welt. Das Land wird immer öfter von lang andauernden Fluten, Dürren, Hitzewellen und Wirbelstürmen getroffen. Zudem ist die Küstenregion durch den Anstieg des Meeres bedroht: Ganze Landstriche werden unbewohnbar und das Trinkwasser aufgrund von Versalzung ungenießbar. Klimaexperten beziffern in moderaten Schätzungen den Anstieg des Meeresspiegels auf 30 bis 45 cm bis zum Jahr 2050. Dieser Anstieg wird verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem und die Trinkwasser- und Nahrungsversorgung der Küstenregion haben. Bis zu 25 Millionen Menschen werden zu Klimaflüchtlingen werden und gezwungen sein, eine neue Heimat zu suchen! Ich rechne bereits bis zum Jahr 2020 mit über 2,5 Millionen Klimaflüchtlingen. Die Abwanderung aus den am meisten betroffenen Gebieten hat bereits begonnen. Wohin sollen diese Menschen im bevölkerungsreichsten Flächenstaat der Erde gehen? Die Großstädte des Landes sind bereits überfüllt. Um sich darauf einzustellen, sind innovative Ideen und eine komplett neue Stadtplanung unabdingbar. Aber dies ist sehr teuer. 

NETZ: Aber Fluten und Wirbelstürme sind in Bangladesch kein neues Phänomen. 

Rahman: Wirbelstürme treffen die Küstenregion Bangladeschs aufgrund ihrer geographischen Lage. Das Land wurde schon immer von Stürmen getroffen und wird es auch in Zukunft werden. Es ist jedoch eine deutliche Zunahme der Intensität von Wirbelstürmen zu erkennen. Diese ist eindeutig durch den Klimawandel verursacht. Die steigende Temperatur des Meerwassers ist dafür verantwortlich. Wirbelstürme entstehen erst bei einer Wassertemperatur von 26,5 Grad Celsius. Über 3.500 Menschen haben ihr Leben durch den Sturm im Jahr 2007 verloren. Die kurz bevorstehende Ernte wurde in der gesamten Region vernichtet und hunderttausende Häuser und Hütten zerstört. 

Auch die jährlich wiederkehrende Flut während der Monsunzeit ist ein Indikator für die Folgen des Klimawandels. Die Niederschlagsmenge im Himalaja hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Dieser Regen fließt durch die Flüsse in Bangladesch in den Golf von Bengalen. 93 Prozent des Wassers in Bangladesch kommen aus Anrainerstaaten wie Indien ins Land. Durch die enormen Wassermassen in den Sommermonaten ändern sich die Flussläufe stetig. Die Flussufer erodieren, riesige Landstriche werden unbewohnbar. Millionen Menschen sind jedes Jahr davon betroffen: Sie verlieren oft ihr gesamtes Hab und Gut. Die Flut ist aber nicht das einzige Problem. Die Menschen in dieser Region leben seit jeher damit. Geändert hat sich jedoch die Wasserverteilung: die extreme Flut im Monsun und die Wasserknappheit zu anderen Jahreszeiten. Letzteres wird u.a. durch die maschinelle Bewässerung von Feldern und der Verbreitung von Tiefbrunnen verursacht. Der Grundwasserspiegel fällt. Beides bringt ernste Konsequenzen für die Trinkwasser- und Nahrungssicherung mit sich. 

NETZ: Können Sie hierfür Beispiele nennen? 

Rahman: Die Küstenregion Bangladeschs steht vor einer Umweltkatastrophe, die schon heute deutlich zu beobachten ist. Dies ist ein kontinuierlicher Prozess. In Bangladesch hat der Klimawandel einen Geschmack: er schmeckt salzig. Infolge der globalen Klimaerwärmung steigt auch der Meerspiegel im Golf von Bengalen. Ebbe und Flut sind bereits wesentlich ausgeprägter. Der Pegel der Flut ist deutlich höher als noch vor ein paar Jahrzehnten. So dringt immer mehr Salzwasser durch die Flussarme in das Landesinnere. Das Grundwasser nimmt so mehr Salz auf. Neben dem Anstieg des Meeresspiegels gibt es noch einen weiteren Grund für die zunehmende Versalzung. In den extremen Trockenperioden führen die großen Flüsse Brahmaputra und Ganges heute wesentlich weniger Wasser. So kann das über die Flüsse im Delta einströmende Salzwasser nicht mehr in ausreichendem Maße in den Golf zurück gedrückt werden. 

Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis, Getreide, Salz und Speiseöl haben sich in Bangladesch in den vergangenen Monaten rasant erhöht. Diese Verteuerung haben auch die Industriestaaten zu verantworten. So ist beispielsweise durch ihre steigende Nachfrage nach Biotreibstoffen ein komplett neuer Absatzmarkt für landwirtschaftliche Produkte entstanden. Allein der Preis für Reis ist seit Jahresbeginn um 75 Prozent gestiegen. Gründe dafür sind der Preisanstieg auf den internationalen Märkten und die durch die Flut und den Wirbelsturm verursachten Ernteausfälle. Wovon sollen sich die Menschen in Bangladesch, die am Tag von weniger als einem Euro leben, ihr Essen kaufen? Allein die benötigte Tagesration Reis kostet weit über die Hälfte ihres Verdienstes. In der Europäischen Union subventioniert man hingegen jede Milchkuh mit zwei Euro am Tag. Diese Situation ist einfach grotesk! 

Die heute sichtbaren Folgen des Klimawandels können wir nicht mehr rückgängig machen. Er hat bereits signifikante Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Betroffen sind u.a. die Nahrung für Menschen und Tiere, das Trinkwasser, das Gesundheitswesen und die Treibstoffversorgung. Die Nahrungssicherung wird immer mehr zu einer Herausforderung in Bangladesch. Die Bewohner der Küstenregion, im Nordwesten und im Tiefland Bangladeschs sind am schlimmsten betroffen. Der Gesundheitssektor steht vor gewaltigen Aufgaben. Aufgrund des Temperaturanstiegs ist mit einer deutlichen Zunahme der Todeszahlen durch Krankheiten wie Malaria, Cholera, Kala Azar (Anm. d. Red.: Laishmaniose) und Durchfall zu rechnen. 

NETZ: Wie kann dem Klimawandel dennoch begegnet werden? 

Rahman: Die Menschen, die von den sich ändernden Umweltbedingungen betroffen sind, haben ihre eigenen Anpassungsstrategien entwickelt. Sie erhöhen beispielsweise ihre Häuser, um diese vor dem Hochwasser zu schützen. Auch die Aussaat- und Erntezeiten werden angepasst. Der Bau von Deichen, die sowieso nur einen Teil der Küstenregion schützen könnten, würde immense Summe verschlingen. Hierfür fehlen uns die Mittel. Aber unsere Anpassungsfähigkeit und innovative Ideen, wie neue Getreidesorten oder Floßdörfer, können die Probleme nur kurzfristig mindern. Retten vor den Folgen des Klimawandels können sie uns nicht. Die klimatischen Veränderungen stellen eine ernste Bedrohung für alle Entwicklungsprojekte der Regierung und von nichtsstaatlichen Organisationen im Land dar. Das erste Millenniumsziel der Vereinten Nationen, also die Halbierung der Armut bis zum Jahr 2015, wird daher kaum erreichbar sein. 

NETZ: Gibt es eine nationale Strategie, um den Folgen des Klimawandels in Bangladesch zu begegnen? 

Rahman: Eine nationale Strategie, wie dem Klimawandel begegnet werden soll, gibt es nach wie vor nicht. Insbesondere die Regierung ist hier in der Bringschuld. Seit Jahren fordere ich die Abkehr von dem Regierungsansatz, nur auf dringende und unmittelbare Probleme zu reagieren. Eine umfassende und langfristige Strategie ist unabdingbar. Doch hierfür fehlen neben dem politischen Willen auch die notwendigen finanziellen Mittel. Eine der wichtigsten Aufgaben ist es, die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen in politischen Strategien, staatlichen Programmen und sektoralen Entwicklungsprozessen viel stärker als bisher zu berücksichtigen. Nur so können wir angemessen auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren. 

Ein erster richtiger Ansatz war das vom Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft ins Leben gerufene und unter meiner Leitung durchgeführte "Nationale Anpassungs- und Aktionsprogramm" (National Adaptation Programme of Action, NAPA). Ziel war es, Anpassungsmöglichkeiten auf den Klimawandel in sektorale und regionale Entwicklungsprozesse einzubetten. Bis zum Jahr 2005 standen uns aber lediglich 74 Millionen US-Dollar für insgesamt 15 Projekte zur Verfügung. Bei weitem nicht genug für die Probleme, die wir zu bewältigen haben. Ich habe die Mitarbeiter des Ministeriums immer wieder dazu gedrängt, über NAPA hinaus eine langfristige und umfassende nationale Strategie zu entwickeln. Damit bin ich aber bislang auf taube Ohren gestoßen. 

Aber auch von den Vertretern der Nichtregierungsorganisationen, Zivilgesellschaft, Medien und Wissenschaft des Landes erwarte ich mehr Engagement. Von ihnen brauchen wir wesentlich mehr Impulse für Studien, Kampagnen, politische Lobbyarbeit und nachhaltige Entwicklungsprojekte. Ein positives Signal ist das kürzlich gegründete "Bangladesh Climate Development Forum". Hier haben sich mehrere Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftsunternehmen zusammengeschlossen, um sich an der Entwicklung einer umfassenden nationalen Strategie zu beteiligen. Ziele sollten die Unterstützung der zuständigen Ministerien und die Förderung der am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen sein. 

NETZ: Wie können die Industrienationen stärker in die Verantwortung genommen werden? 

Rahman: Den größten Anteil an der globalen Klimaerwärmung haben die Industriestaaten durch die von ihnen verursachten Emissionen von Treibhausgasen zu verantworten. Momentan ist das Thema Klimawandel, auch aufgrund des letzten Berichts des Weltklimarats und dem Friedensnobelpreis für diese Institution und Al Gore, sehr populär. Doch ich vermisse den ernsthaften Willen der Staatschefs der großen Industrienationen, etwas zu ändern. Das wurde erst vergangenen Dezember auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen auf Bali wieder deutlich. Ich sage ihnen: Ihr habt eure Versprechen gebrochen! Noch vor 15 Jahren wurde in Aussicht gestellt, den Ausstoß von Treibhausgasen zu halbieren. Heute, nach all den neuen alarmierenden wissenschaftlichen Studien, wird zaghaft von einer Reduzierung um 20 Prozent gesprochen. Das ist völlig unzureichend. Dies ist nichts anderes als ökologischer Kolonialismus! 

Die Regierung Bangladeschs muss die Bedrohungen des Klimawandels zu einem festen Bestandteil der Wirtschafts- und Außenpolitik machen. Wir brauchen einen starken nationalen Konsens zu diesem Thema, um auf internationalen Parkett die uns zustehenden Kompensationen von den größten Umweltzerstörern, den Industriestaaten, einzufordern. Bangladeschs Zukunft und weitere Entwicklung hängt davon ab, wie das Land den Risiken des Klimawandels begegnen und diese reduzieren kann. Wir müssen jetzt handeln! 

NETZ: Was erwarten Sie konkret von Deutschland? 

Rahman: Auch Deutschland muss mehr machen. Bekennt euch zu eurer Verantwortung für den Klimawandel und haltet euch endlich an eure Zusagen! Wenn der eine Teil der Welt versinkt, dann hat das Auswirkungen auf alle Länder. Die daraus resultierenden Sicherheitsrisiken für die gesamte Menschheit lassen sich heute nur erahnen. Deutschland sollte sich darauf vorbereiten, in den kommenden Jahrzehnten Millionen von Klimaflüchtlingen aus den Entwicklungsländern aufnehmen zu müssen. Die Menschen in Bangladesch haben aufgrund eurer Umweltpolitik ihre Heimat verloren! Ich hoffe, dass die kommende Generation in Deutschland und deutscher Politiker verantwortungsbewusster für das globale Klima ist, als die heutige. 

Das Interview führten die NETZ-Mitarbeiter Sumana Binte Masud und Niko Richter in Dhaka.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2/2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Klimawandel - Die Folgen für Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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