Die Fahrrad-Pioniere

In Bangladesch setzen junge Leute das scheinbar Unmögliche in die Tat um

Sie sind jung, gut ausgebildet und haben entdeckt, dass sie etwas verändern können: Die Mitglieder der Gruppe BDCyclists wollen das Radfahren in Dhaka populär machen. Vor drei Jahren im sozialen Netzwerk Facebook gegründet, hat die Gruppe landesweit mittlerweile mehr als 44.000 Mitglieder - mit vielen kleinen Untergruppen. Die Bangladeshi Cyclists, wie sie sich nennen, sind als Pioniere unglaublich aktiv.

"Wir fahren unsere täglichen Wege mit dem Fahrrad und veranstalten monatlich 'critical mass'-Touren", sagt Fuad. Der 30-jährige Familienvater und Grafiker einer Softwarefirma moderiert die Gruppe und erzählt, dass regelmäßig mehrere hundert Fahrradbegeisterte an den Touren teilnehmen. Daneben organisieren die BDCyclists gemeinsame Fahrten, bieten Kurse und Training für Anfänger an, unternehmen Nachtfahrten und am Wochenende Radausflüge ins Umland der 15-Millionen-Einwohner-Megastadt.

Ridwan, ein Bauingenieur, und sein Freund Arif, der einen Fahrradladen in der Altstadt betreibt, haben für ihre Gäste aus Deutschland die Feierabendtour "Welcome to Bangladesh" ins Leben gerufen und online gestellt. Mehr als 25 Angehörige der Facebook-Gruppe Mohammadpur Cyclists sind dem Aufruf spontan gefolgt und erscheinen um 19 Uhr zum Treffpunkt British Council. Alle sind zwischen 20 und 35 Jahren alt: Mahmud kommt im Anzug direkt vom Job aus der Bank. Shafaiyat leitet eine Internetfirma und ist Fotograf. Abdullah arbeitet beim Film, Shariar ist Journalist, Omar hat Architektur studiert und Sohel stellt sich als Bike Doctor vor. Rahul hat gerade sein Pharmaziestudium beendet. Alle freuen sich, dass auch eine Frau dabei ist: die Kunststudentin Bithi. In der muslimisch geprägten Gesellschaft Bangladeschs hat das Fahrradfieber die Mädchen noch nicht so stark ergriffen wie die jungen Männer.

Dass alle Mountainbikes fahren, obwohl die Stadt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt, verstehen wir nach wenigen Metern. "Das hier ist offroad", sagt Bithi und lacht, "wir müssen über Sand, durch Schlaglöcher, geflickten Asphalt und über Stufen fahren können." "Natürlich inhalieren wir Radfahrer den ganzen Dreck", sagt Ali, der schon alle Provinzen Bangladeschs mit dem Fahrrad erkundet hat, "der Ruß der Laster findet auch die, die im Bus sitzen", sagt er. "Jeder, der Fahrrad fährt, trägt dazu bei, dass es besser wird."

Wir schlängeln uns, wo es geht, am Stau vorbei. Das ist nicht ungefährlich, auch wenn die motorisierten Fahrzeuge sich nur im Schritttempo vorwärts bewegen. Radwege gibt es natürlich keine. "Wir wollen der autobesitzenden Klasse die Stadt nicht überlassen", heißt es auf der Homepage der BDCyclists. Und: "Wir zeigen den Menschen, dass das Fahrrad für ihre tägliche Mobilität völlig ausreicht." "Gäbe es vernünftige Wege, wäre das Rad für den größten Teil der Bevölkerung ein perfektes und preiswertes Verkehrsmittel", sagt Fuad als Repräsentant der jungen Radbewegung. Mit dem Verkehrsminister sei man mittlerweile im Gespräch. "Wir fordern eigene Wege für Radfahrer", sagt er.

Auf neue Infrastruktur können und wollen die BDCyclists aber nicht warten. Die BDCyclists haben begonnen, Informationsnachmittage für Näherinnen in Textilfabriken zu veranstalten. "Neulich hat ein Lebensmittelhersteller eine Mahlzeit finanziert und wir konnten Fahrräder zeigen, ihre vielen Vorteile aufzählen und haben Probefahrten angeboten", erzählt Fahrradhändler Arif. Einige der Frauen hätten sich für einen kostenlosen Radfahrkurs angemeldet - denn der Unterricht ist, wie alles, was die BDCyclists organisieren, ehrenamtlich.

Bei alldem scheren sich die neuen Radfahrer wenig um gesellschaftliche Konventionen. "Das Image des Fahrrads als Verkehrsmittel der armen Leute haben wir hinter uns gelassen", sagt Fuad. Im Gegenteil: Es sind vergleichsweise gut situierte junge Menschen, die den neuen Trend bestimmen. Durch ihre Präsenz auf den Straßen zeigen sie stolz, wie wichtig ihnen die neu entdeckte Mobilität ist.

Auch einige Arbeitgeber haben es begriffen. Erste Firmen, Banken und Telekommunikationsbetriebe haben begonnen, Fahrradparkplätze einzurichten", sagt Mahmud. "Es ist eine gute Werbung, wenn meine Kollegen mich mit dem Rad sehen. Einige habe ich schon angesteckt und sie folgen meinem Beispiel", sagt der junge Bankmanager, dessen Chef ihm erlaubt, sein High-Tech-Rad neben dem Schreibtisch abzustellen.

Für Ridwan und Arid ist die Gemeinschaft untereinander das Wichtigste. Auf Facebook laden sie sich zu Touren ein, geben Tipps, diskutieren Ziele. "Ich bin ein glücklicher Mensch, seit ich das Fahrradfahren entdeckt habe. Es hat mein Leben verändert", sagt der junge Bauingenieur und strahlt übers ganze Gesicht. "In unserer Gesellschaft gibt es wenig Freizeitaktivitäten als Ausgleich zur Arbeit. Am Wochenende hingen wir oft rum, jetzt fahren wir Fahrrad", erzählt er.

Auf den Nebenstraßen im Stadtteil Kulnampur kommen wir flott voran. Rikschakolonnen und Massen an Fußgängern, die von den Bushaltestellen oder direkt aus den Fabriken kilometerweit nach Hause laufen. Dazwischen hupen sich Autobesitzer den Weg frei. "Wir werden aus Dhaka eine Fahrradstadt machen", sagt Fuad, "und diesem Ziel kommen wir näher."

Am Anfang seien Radfahrer belacht worden, "jetzt sind wir 44.000 und werden langsam ernst genommen. Wenn wir 500.000 sind, fallen wir auf. Dann kommt die Politik nicht mehr an uns vorbei", sagt er. Zum Nationalfeiertag Mitte Dezember radelten 4.500 Radfahrerinnen und Radfahrer in den Nationalfarben durch die Stadt. Auch am Unabhängigkeitstag im März fuhren sie in einem kilometerlangen Verband und zeigten, wie viele sie schon sind und wie viel Spaß Radfahren macht. So geht Werbung für den Wandel.

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Kontakt

Dirk Saam

Leitung Politischer Dialog
saam@remove-this.bangladesch.org
Tel.: 030 - 85 71 47 23

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