Wo steht Bangladesch?

Bedrohung und Herausforderungen des Klimawandels

Von Shireen Kamal Sayeed 

Der Artikel wurde am 14.12.2007 im "The Daily Star" veröffentlicht und erscheint hier in einer gekürzten und bearbeiteten Fassung. Übersetzung Lisa Stoll. Die Autorin Shireen Kamal Sayeed, ist die ehemalige stellvertretende Landesdirektorin in Bangladesch bei Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP).

Wie der Rest der Welt ist auch Bangladesch von einschneidenden Klimaveränderungen betroffen, deren Folgen in den letzten Jahren immer spürbarer werden. Die Auswirkungen auf das Leben der Menschen sowie die Wirtschaft, Infrastruktur, Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung werden immer signifikanter. Bangladesch ist auf so einen massiven Wandel nicht vorbereitet. Ein Verlust von nur einem Zehntel der Landesfläche kann eine regionale Katastrophe verursachen, die massenhaft Flüchtlinge in andere Länder treibt. Dies könnte zu regionaler Instabilität führen. Ein Meeresspiegelanstieg um einen Meter würde das Land sehr schwer treffen und schlimmstenfalls eine zerstörte Wirtschaft zurücklassen. 

Aufgrund des Bevölkerungswachstums und des Verlusts von Agrarflächen durch Besiedlung und Entwicklungsprojekte steigt auch der Druck, die Landwirtschaft anzupassen, um die Menschen zu ernähren. Die Lebensmittelversorgung wird schwer betroffen sein, wenn das Land die Küstenregion verliert. Große Industrieanlagen und andere wichtige Einrichtungen in dieser Region müssten aufgegeben werden, was die Wirtschaft enorm treffen würde. Experten zufolge wird sich selbst ohne die Überflutung der Küstenregion der Ernteertrag aufgrund des Klimawandels bis zum Jahr 2050 um 40 Prozent reduzieren. Die Verbindung zum einzigen Meerhafen [Anm. d. Red.: in Chittagong] könnte ebenfalls betroffen sein. Es ist unmöglich, diesen enormen wirtschaftlichen Verlust genau zu beziffern. Schätzungen gehen aber von mehreren hundert Milliarden US-Dollar aus. 

Die Küstenregion ist sehr anfällig. Zwar wird sie durch Polder und Deiche geschützt, letztere sind jedoch sehr alt und schlecht erhalten und haben nicht die nötige Höhe. Bruchstellen können sich entwickeln. Wie viel der an der Küste gelegenen Industrielandschaft Bangladeschs verloren gehen wird, ist nur schwer abzusehen. Genauso wie das Schicksal der dort lebenden Menschen. Wenn Meerwasser durch die großen Flüsse ins Inland dringt, wird das Land unfruchtbar. Sowohl Leben als auch Lebensräume werden so zerstört. Es wird die Süßwasserfischerei schwer treffen und Gesundheitsrisiken durch den Ausbruch alter und neuer Krankheiten wie Malaria, der Infektionskrankheit Leishmaniose und durch Trinkwasser übertragene Infektionen mit sich bringen. Auch die Umwelt und Artenvielfalt werden darunter leiden. Die Verluste an Wohnhäusern, Schulen, Büro- und Industriegebäuden und Kommunikationseinrichtungen wären immens. Bangladesch könnte dies alles nicht wieder aufbauen. 

Die wirtschaftlichen Rückschläge, die durch alljährliche Katastrophen wie Überschwemmungen, Wirbelstürme und Sturmfluten verursacht wurden, konnten bislang durch die Ausdauer und harte Arbeit der Bevölkerung überwunden werden. Aber es ist zweifelhaft, ob Bangladesch in der Lage sein wird, einem Desaster solchen Ausmaßes, wie einem signifikanten Meeresspiegelanstieg, standzuhalten. Es bedarf internationaler Unterstützung, um sich auf einen so zerstörerischen Wandel vorzubereiten. Zwei Überschwemmungen, eine Dürre und der Zyklon Sidr haben im vergangenen Jahr Bangladeschs Verwundbarkeit deutlich aufgezeigt. Es wird Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie die gefährdetsten und ärmsten Länder wie Bangladesch in der Zukunft auf den Klimawandel reagieren können. 

Die extremen Ereignisse im Jahr 2007 und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft sind derzeit im ganzen Land spürbar. Das Wachstum des Bruttosozialprodukts sank von über sieben auf knapp sechs Prozent. Bangladesch wird zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten Nahrungsmittel importieren müssen, um die Lebensmittelversorgung zu gewährleisten. Die Kosten für den Wiederaufbau nach dem Wirbelsturm werden auf eine Milliarde US-Dollar geschätzt. Wenn die internationale Gemeinschaft Bangladesch dabei ernsthaft unterstützen möchte, sollten dem Land alle Schulden erlassen werden. Falls dies nicht bald passiert, wird Bangladesch nicht an seine großen Erfolge anknüpfen können, die es im Rahmen der Millenniums-Entwicklungsziele u.a. im Gesundheitsbereich und der Grundbildung erreicht hat. Das Land hätte wahrscheinlich eher Rückschritte zu verkraften. Dies würde die Unterstützung von Ländern wie Bangladesch zum Erreichen der Millenniums-Entwicklungsziele geradezu lächerlich machen. Bis jetzt hat Bangladesch nicht die internationale Unterstützung erhalten, die es verdient, um sich mittels Anpassung und Schadensminderung besser vorzubereiten. 

Die Vereinten Nationen und die Regierungen der Industrieländer müssen Bangladesch verstärkt und koordiniert unterstützen. Vor Ort müssen mehr Mittel für Aufklärungskampagnen bereitstehen, um die Menschen über die Gefahren des Klimawandels zu informieren und um Anpassungsstrategien auf lokaler Ebene zu entwickeln. Denn Bangladeschs Antwort auf den Klimawandel beruht erst auf Anpassung, dann auf Schadensminderung. Es ist an der Zeit, dass Bangladesch seine Forderungen zur Bekämpfung der durch den Klimawandel verursachten Risiken klar formuliert. Dazu bedarf es auch einer breit angelegten Risikoanalyse, beispielsweise in der Landwirtschaft, im Gesundheits- und Bildungssektor, Wassermanagement, der Forstwirtschaft und Fischerei. Außerdem müssen die politischen Richtlinien für jeden Sektor entlang der durch den Klimawandel verursachten Veränderungen überarbeitet werden, um angepasste Aktionspläne zu entwickeln. 

Ein nationales Programm, durchgeführt vom Umwelt- und Forstministerium als Reaktion auf die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, könnte es dem Land ermöglichen, den Gefahren und Auswirkungen des Klimawandels zu begegnen. Die obersten Ziele des Programms sollten u.a. sein: die sektorübergreifende Berücksichtigung der Probleme des Klimawandels; Recherchen und Analysen zu den Auswirkungen des Klimawandels auf allen Ebenen; Zusammenarbeit des öffentlichen und privaten Sektors; Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen und Bereitstellung der benötigten Mittel und Technologien. 

Obwohl Bangladesch durch den Klimawandel höchst gefährdet ist und gleichzeitig kaum nennenswert zum weltweiten CO2-Ausstoß beiträgt, ist das Land entschlossen, gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft für den Klimaschutz zu kämpfen. Ebenso haben die großen Industriestaaten eine moralische Verantwortung, Länder wie Bangladesch im Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen. 

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2/2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Klimawandel - Die Folgen für Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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Kontakt

Dirk Saam

Leitung Politischer Dialog
saam@remove-this.bangladesch.org
Tel.: 030 - 85 71 47 23

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