"Wir müssen das ganze Bild betrachten"

Habibur Rahman Chowdhury ist der Leiter des NETZ-Landesbüros in Dhaka. Im Gespräch mit NETZ berichtet er über die bisherige Umsetzung der Millenniumsziele in Bangladesch und den Beitrag der Organisation zur Armutsbekämpfung.

NETZ: Vor zehn Jahren wurden die Millenniumsziele verabschiedet. Wie bewerten Sie die Auswirkungen auf Bangladesch? 

Habibur Rahman Chowdhury: Unabhängig von der Frage, ob es tatsächlich gelingen wird, in allen Punkten die angestrebten Veränderungen zu erreichen, glaube ich, dass sich die Millenniumsziele positiv auf Bangladesch ausgewirkt haben. Ihre Verabschiedung im Jahr 2000 hat Enthusiasmus hervorgerufen. International wurden gemeinsame Ziele festgehalten, auf deren Erreichung hingearbeitet werden kann. 


NETZ: Wie steht es um die konkrete Erfüllung der Zielvorgaben? Wird Bangladesch die Millenniumsziele erreichen? 

Chowdhury: Im Allgemeinen befindet sich das Land auf einem guten Weg. So wird Bangladesch die Vorgaben in Bezug auf Armutsreduzierung und Grundbildung ansatzweise erfüllen. In anderen Bereichen, beispielsweise bei der Gleichstellung von Frauen, sieht es hingegen anders aus. In den letzten Jahren ist viel über dieses Thema geredet worden. Maßnahmen zur Stärkung von Frauenrechten wurden in die Wege geleitet. Meinem Eindruck nach hat sich aber an der grundsätzlichen Situation nur wenig geändert. Auf den ersten Blick zeigen einige Statistiken positive Veränderungen auf. So wurden in den letzten Jahren in Bangladesch mehr Mädchen als Jungen eingeschult. Wir müssen aber das ganze Bild betrachten. Trotz dieser positiven Zahlen, brechen weiterhin viel mehr Mädchen als Jungen die Schulausbildung schon nach kurzer Zeit ab. Gewalt gegen Frauen und andere Formen der Diskriminierung sind immer noch stark verbreitet in unserer Gesellschaft. In den Köpfen eines Großteiles der Menschen hat sich die Stellung von Frauen noch nicht verändert. Hinsichtlich des Erreichens aller Zielvorgaben muss ich feststellen, dass Bangladesch in den ersten Jahren nach der Verabschiedung der Millenniumsziele sehr gut gearbeitet hat. Inzwischen hat sich diese Entwicklung jedoch deutlich verlangsamt. 


NETZ: Woran liegt das? 

Chowdhury: Mehrere Faktoren spielen hier eine Rolle. Die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise hat direkte Auswirkungen auf Bangladesch. Die Nahrungsmittelkrise und der damit verbundene Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln hat viele Menschen tiefer in die Armut getrieben. Auch die politische Situation in Bangladesch spielt eine große Rolle. Vor allem während der Übergangsregierung [Oktober 2006 bis Dezember 2008] wurde die längerfristige Planung und Koordination nicht so gezielt vorangetrieben, wie dies vermutlich unter einer durch demokratische Wahlen legitimierten Regierung der Fall gewesen wäre. So hat die aktuelle Regierung zwar Programme entwickelt, wie die Millenniumsziele in Bangladesch umgesetzt werden sollen. Es ist allerdings ein generelles Problem, dass die strukturellen Ursachen von Armut und Entwicklungshindernissen nicht angegangen werden. 


NETZ: Was meinen Sie, wenn Sie von strukturellen Ursachen von Armut sprechen? 

Chowdhury: Mit den Millenniumszielen wurden einige wichtige Punkte formuliert. Dass alle Kinder die Grundschule besuchen sollen, ist ein bedeutendes Ziel. Dieser Punkt kann aber nicht einzeln betrachtet werden. Wenn eine Familie in finanzielle Schwierigkeiten gerät, wird ein Kind mit größerer Wahrscheinlichkeit die Schule abbrechen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Deswegen muss es langfristig immer darum gehen, die Menschen in die Lage zu versetzen, sich in allen Situationen selbst helfen zu können. Nehmen Sie als Beispiel die Landverteilung. Land stellt eine wichtige Ressource dar. Doch in Bangladesch besitzen die meisten Menschen kein eigenes Land. So fehlt ihnen eine entscheidende Grundlage, um sich selbst aus der Armut zu befreien. Die Kluft zwischen denen, die im Besitz vieler Ressourcen und reich sind und denen, die keinen Besitz haben und arm sind, wird immer größer. Wenn die Regierung die öffentlichen Landressourcen gerecht und verantwortlich verteilen würde, dann wäre eine wesentliche Ursache struktureller Armut beseitigt. In fünfzehn Jahren lassen sich diese Probleme unmöglich alle lösen. Die Millenniumsziele sind ein wichtiger Schritt, aber auch nach 2015 bleibt noch viel zu tun. 


NETZ: Was trägt NETZ, als deutsche NGO, konkret zur Erreichung der Millenniumsziele in Bangladesch bei? 

Chowdhury: NETZ ist eine kleine Organisation. In enger Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen konzentrieren wir uns vor allem auf die Millenniumsziele 1-3, also die Beseitigung extremer Armut, die Verwirklichung von Grundschulbildung für alle Kinder und die Stärkung der Frauen. Diese Arbeit konzentriert sich auf die ärmsten Familien im Norden Bangladeschs, laut Welternährungsprogramm eine der ärmsten Regionen des Landes. Im Jahr 2009 konnten sich so 18.212 Familien ein eigenes Einkommen erwirtschaften und 21.252 Mädchen und Jungen die Grundschule besuchen und dort qualitativ gute Bildung erhalten. Zudem haben sich 5.673 Ehrenamtliche in den Dörfern für Menschenrechte engagiert, insbesondere um Gewalt gegen Frauen zu stoppen. Aber diese zahlenmäßigen Erfolge geben nur einen Teil der NETZ-Arbeit wider. Ziel ist, die strukturellen Ursachen der Armut zu bekämpfen, um so den Menschen nachhaltig ein Leben in Würde und ohne Hunger zu ermöglichen. Gemeinsam mit den Partnerorganisationen setzen wir uns für die Rechte der Ärmsten und anderer benachteiligter Bevölkerungsgruppen in den Dörfern und im ganzen Land ein. 


NETZ: Welchen Ansatz verfolgt NETZ bei der Arbeit für die Ärmsten? 

Chowdhury: Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen unterstützen wir im Projekt "Ein Leben lang genug Reis" die Menschen dabei, sich selbst aus ihrer Armut zu befreien. Unterstützung erhalten die bedürftigsten Familien, die Hunger leiden, mit unterernährten Kindern und ohne eigenes Land. Bereits bei der Planung der Projekte werden sie einbezogen. Dies ist für uns eine Grundvoraussetzung für Hilfe zur Selbsthilfe. Wir verhelfen diesen Familien beispielsweise zu einer Kuh, einer Rikscha oder einem Gemüsegarten. Damit können sie sich selbst ein eigenes Einkommen erwirtschaften. Die teilnehmenden Frauen erhalten Schulungen, beispielweise in Landwirtschaft, Gesundheitsvorsorge und Frauenrechte. Mit Erhebungen vor Projektbeginn und einer exakten Auswertung nach Projektende, können die Fortschritte überprüft und neue Projekte noch effizienter entwickelt werden. Nach und nach übergeben wir immer mehr Verantwortung an die Frauen. Sie führen eigenständig die Zusammentreffen ihrer Dorfgruppe durch, unterstützten sich bei der Vermarktung ihrer Produkte und vertreten gemeinsam ihre Interessen gegenüber dem Gemeinderat und anderen Institutionen. 

In den Grundbildungsprojekten verfolgen wir das gleiche Ziel. Kinder sollen durch qualitativ hochwertige Bildung in die Lage versetzt werden, später selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Neben dieser konkreten Hilfe für die Menschen in Bangladesch, engagiert sich NETZ noch auf einer weiteren Ebene. Wir arbeiten eng mit Organisationen der Zivilgesellschaft und Menschenrechtsverteidigern im Land zusammen. Gemeinsam versuchen wir bei staatlichen Entscheidungsträgern und zivilgesellschaftlichen Akteuren in Europa Bewusstsein für die Situation der Ärmsten in Bangladesch zu schaffen. Ein Aspekt dieser Arbeit ist der Austausch über die Möglichkeiten aber auch Schwierigkeiten bei der Erreichung der Millenniumsziele. Dabei rücken wir insbesondere die strukturellen Ursachen der Armut in den Fokus. 


NETZ: Herr Chowdhury, vielen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führte die NETZ-Freiwillige Lisa Wevelsiep in Dhaka.
 
Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2-2010 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Armut ohne Ende? Zwischenbilanz der Millenniumsziele". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

Zurück zur Seite Millenniumsziele