Globale Entwicklung nach 2015

Gerechtigkeit, Gleichheit und Inklusion müssen auf die Tagesordnung

Von Faustina Pereira

Im Juli 2012 verkündete UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Einberufung eines hochrangigen Gremiums, mit der Aufgabe eine post-2015 Entwicklungsagenda zu entwerfen. Dann laufen die Millenniumsentwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDGs) aus. Zu diesem Zweck hält das Gremium weltweit ausführliche Konsultationen mit diversen Akteuren ab.

Neben diesem Prozess zum Entwurf einer post-2015 Agenda, hat der Generalsekretär einen Konsultationsprozess zu Nachhaltigen-Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals, SDGs) angeregt. Diese Ziele sollen auf den MDGs aufbauen und Vorschläge enthalten, wie Nachhaltigkeit in ökonomische Entwicklung eingebettet sein kann. Seit dem Rio+20 Gipfel, der im Zeichen der Schaffung von Arbeitsplätzen sowie der Förderung des Wirtschaftswachstums und der wirtschaftlichen und sozialen Stabilität stand, haben die Stimmen für mehr Nachhaltigkeit an Bedeutung gewonnen.

Die Entwürfe der SDGs und der post-MDGs gehören gegenwärtigen zu den bedeutendsten Prozessen, um die globale Entwicklungsagenda nach 2015 zu gestalten. Sie werden enormen Einfluss auf Wachstum, Verteilung von Hilfsgeldern und die Ausgestaltung von Entwicklungsprogrammen haben. Viele Länder, Experten aus Politik und Zivilgesellschaft versuchen, diesen Prozess zu beeinflussen. Da Bangladesch bei der Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele große Erfolge vorzuweisen hat, muss es auf eine gewichtige Rolle in diesem Prozess drängen. Denn so positiv die Erfolge Bangladeschs und anderer Entwicklungsländer in einer ähnlichen Situation auch sein mögen, es ist nicht die Zeit sich auf dem Erreichten auszuruhen. Vielmehr muss die Energie darauf verwendet werden, die Erfolge nachzuhalten und neue Ziele zu erreichen. Die vielversprechendste Option ist, auf den aktuellen MDGs aufzubauen und sich Ziele zu stecken, die darüber hinausgehen.

Fehlende Perspektive

Einer der zentralen Kritikpunkte an den derzeitigen MDGs ist, dass diese lediglich die Symptome von Armut und Unterentwicklung bekämpfen, die tieferliegenden Gründe aber ignorieren. Ihnen fehle ein Ansatz, der gezielt auf die Verwirklichung und Durchsetzung von Rechten und die Veränderung von diskriminierenden Machtstrukturen hinwirkt. Dadurch werden nach Meinung der Kritiker die Verbindungen zwischen Lebensrealitäten und den Ergebnissen der Entwicklungszusammenarbeit verschleiert. Das derzeitige Modell setze ökonomischen Fortschritt mit gesellschaftlichem Fortschritt gleich.

Um diesem fehlenden Aspekt entgegenzuwirken, muss für das nächste Programm der MDGs und SDGs ein stark veränderter Ansatz gewählt werden. Voraussetzung dafür ist zunächst ein Verständnis für die tieferen Gründe und die Faktoren zu entwickeln, die einer nachhaltigen Entwicklung im Wege stehen. Dafür sollten folgende drei Aspekte im laufenden Entwicklungsprozess der post-2015 Agenda berücksichtigt werden.

  • Anerkennung der Menschenrechte, die Gleichheit der Geschlechter, der Zugang zu Rechtsstaatlichkeit und die gezielte Stärkung der Ärmsten, als existenzielle Grundlage für jede nachhaltige Entwicklungsstrategie.
  • Anerkennung der vielschichtigen Zusammenhänge, die sich auf das individuelle Wohlergehen auswirken: Ökonomischer Fortschritt trägt nicht zur Beseitigung von Ungleichheit, Diskriminierung und Exklusion bei, darum müssen diese Aspekte sowie die kulturelle Vielfalt adressiert werden.
  • Anerkennung der Notwendigkeit fundamentaler Reformen des internationalen Finanzsystems, um die Entwicklungsländer dabei zu unterstützen, ihre ökonomischen und sozialen Ziele zu erreichen.

Einige regionale Prozesse, besonders Süd-Süd-Dialoge zu den MDGs, haben diese Defizite ebenfalls erkannt. Die im Dezember 2012 veröffentliche Dhaka Deklaration wurde von Parlamentariern und Mitgliedern der Zivilgesellschaft gemeinsam erarbeitet. Sie enthält sowohl Vorschläge zur beschleunigten Erreichung der MDGs, als auch viele wichtige Punkte, um die post-2015 Agenda zu gestalten. Klarer als jede andere derartige Erklärung verdeutlicht sie, dass die Formulierung einer globalen Entwicklungsagenda auf den Lektionen aus den MDGs und anderer internationaler Entwicklungsagenden basieren muss. Zudem muss das Prinzip der Geschlechtergleichheit als zentraler Punkt beinhaltet sein. Nicht losgelöst, sondern auch als Teil der Menschenrechte, der demokratischen Regierungsführung und einer nachhaltigen Entwicklungspolitik.

Somit zeigt die Dhaka Deklaration ein zentrales Defizit der MDGs auf. Diese sind insbesondere auf ökonomische Entwicklung fixiert und schenken der sozialen Stärkung und dem Zugang zu Rechten zu wenig Aufmerksamkeit. Um diesen Mangel zu beheben, ist zunächst ein Perspektivwechsel nötig: Menschliche Entwicklung ist mehr als die Sicherung des Existenzminimums und des ökonomischen Überlebens. In einem ganzheitlichen Ansatz müssen Bedürfnisse mit effektiven Verteilungsmechanismen zu Rechten und Dienstleistungen befriedigt werden. Ökonomisches Empowerment allein verliert seine Bedeutung, wenn wir vergessen, die Vielschichtigkeit der Zusammenhänge zu berücksichtigen. Geschlecht, Bildung, Einkommen, Klasse, Alter, Wohnort, Religion, Ethnizität, sexuelle Orientierung, eine Behinderung und vieles mehr sind Faktoren, die bestimmen, ob wir von ökonomischer Entwicklung profitieren.

Neue Entwicklungsagenda

Empirische Studien zeigen, dass durch Investitionen in Frauen und ihre gezielte Förderung in Entwicklungsvorhaben Erfolge auf verschiedenen Ebenen erzielt werden können. Diese Erfolge beginnen im eigenen Haushalt und setzen sich in den Gemeinden und auf der nationalen Ebene fort. Wenn man beispielsweise Bangladeschs bemerkenswerte Reduzierung der Müttersterblichkeitsrate bei der Geburt analysiert wird klar, dass sich die vor einem Jahrzehnt getätigten Investitionen in die weiterführende Schulbildung von Mädchen bezahlt macht.

Weltweit kann beobachtet werden, dass Fortschritt auf nationaler Ebene mit der zunehmenden Grundschulbildung und Partizipation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt einhergeht. Jetzt ist es nötig, über die Erfüllung der Grundbedürfnisse von Frauen hinauszugehen. Ihre Stimmen, als Inhaberinnen von Rechten an diesen Entwicklungsaktivitäten, müssen gestärkt werden.

Ein Verständnis dafür zu entwickeln, weshalb die post-2015 Entwicklungsagenda auf Geschlechtergerechtigkeit fokussieren muss, ist von zentraler Bedeutung. Die Beweislage ist eindeutig: Trotz jahrzehntelanger Entwicklungseingriffe, sind es Frauen, die immer noch die Mehrheit der Armen auf der Welt ausmachen. Zudem ist belegt, dass die Ungleichheit der Geschlechter bisher das größte Entwicklungshemmnis gewesen ist. Der Zusammenhang zwischen dem Empowerment der Frauen, ihrer gleichberechtigten Teilhabe an Bildungssystem, Arbeitsmarkt, Gesundheitsfürsorge, Entscheidungsprozessen und Entwicklungsergebnissen, hat sich bereits etabliert. Diese Erkenntnisse sollten die treibende Kraft hinter der Ausarbeitung neuer globaler Entwicklungsziele sein.

Über 2015 hinaus

In seiner Veröffentlichung von 2010 „Millenniumsentwicklungsziele für die Reichen?“ übt David Sogge vom Transnational Institute scharfe Kritik an den Vereinten Nationen und den Industrieländern, welche bisher die globale Entwicklungsagenda maßgeblich definieren. Er wirft diesen vor, zu wenig dafür zu tun, um das 8. Millenniumsziel zu erreichen. Dieses verlangt ihnen unter anderem ab, einen bestimmten Prozentsatz ihres Bruttoinlandsproduktes in eine globale Partnerschaft für Entwicklung zu investieren. Wenn die globale Entwicklungspolitik die Entwicklungsländer weiter dazu drängt, Ergebnisse zu Indikatoren wie Armut, Gesundheit, Bildung, Wasser, Sanitäranlagen und ökonomischer Entwicklung zu liefern, während kritische Themen wie Ungleichheit, Diskriminierung und Ausbeutung ausgespart werden, wird das Erreichen der MDGs so schwierig wie eine Rolltreppe hoch zu laufen, die nach unten fährt, so die Einschätzung Sogges.

Entwicklungsländer wie Bangladesch, die bereits bewiesen haben, dass die MDGs einen wichtigen Rahmen für die Entwicklung setzen, müssen Gebernationen zur Verwirklichung des letzten Ziels drängen. Die Verwirklichung der sieben anderen Ziele könnte sonst verspielt werden. Das soll nicht bedeuten, dass die Entwicklungsländer auf eine Mitleidsagenda drängen sollen. Vielmehr sollte das Beispiel Bangladeschs beachtet werden: Es zeigt, dass eine auf den MDGs basierende nationale Entwicklungsstrategie, die von außen gefördert wird, der beste Weg ist, um die Ambitionen menschlicher Entwicklung zu fördern.

Der hier in einer bearbeiteten Fassung abgebildete Artikel erschien erstmals am 4. Februar 2013 im Daily Star Forum unter dem Titel „Bringing Justice, Equality and Inclusion to the Global Development Agenda Beyond 2015“. Übersetzung: Benjamin Kühne.

Faustina Pereira ist Anwältin für Menschenrechte und leitet die Abteilung für Menschrechte und Rechtsbeihilfe bei der NGO BRAC.


Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3-4/2013 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Bangladesch bewegen - Frauen und Männer kämpfen für Gleichberechtigung". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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