"Im Großen und Ganzen auf einem guten Weg"

Erfolge und Herausforderungen bei der Erreichung der Millenniumsziele in Bangladesch 


Stefan Priesner war von 2008 bis 2012 Landesdirektor des Entwicklungsprogrammes der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP) in Bangladesch. Im Interview mit NETZ spricht er über den aktuellen Stand der Millenniumsziele und die Herausforderungen bei deren Erreichung.

NETZ: Herr Priesner, es bleiben noch fünf Jahre, um die von der UN für das Jahr 2015 gesteckten Ziele im Kampf gegen die weltweite Armut zu erreichen. Ist die internationale Gemeinschaft bei der Erreichung dieser Ziele auf einem guten Weg? 

Stefan Priesner: Das UNDP hat eine Studie zur Erreichung der Ziele in 50 Ländern erstellt. Deren Ergebnis zeigt, dass wir bei manchen Zielen auf einem sehr guten Weg sind, bei anderen aber nicht. Beim 1. Millenniumsziel, der Halbierung der weltweiten Armut bis 2015, sind wir global betrachtet auf einem guten Weg. Die Erreichung dieses Zieles ist durchaus realistisch. Auch bei der Gewährleistung der Grundschulbildung für alle Kinder und der Senkung der Kindersterblichkeit haben wir große Erfolge errungen. Ein Ziel, das wir jedoch nicht erreichen werden, ist die Senkung der Müttersterblichkeit. Es ist wohl auch eines der komplexesten Ziele. Auch das 7. Millenniumsziel, die Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit, wird aufgrund seiner Komplexität nur schwierig zu erreichen sein. 


NETZ: Wo steht Bangladesch in diesem Prozess? Wie sieht es hier mit der Erreichung der Millenniumsziele aus?
 
Priesner: Im Großen und Ganzen sind wir in Bangladesch auf einem guten Weg, die Armut bis 2015 zu halbieren. Aber dahinter steht immer noch ein großes Fragezeichen. Wir hoffen sehr, dass die Erreichung der Ziele nicht durch weitere Finanzoder Nahrungsmittelkrisen verhindert wird. Die Krisen der letzten Jahre haben bereits einen deutlich negativen Einfluss gehabt. Aber es gibt auch sehr große Erfolge zu verzeichnen, etwa bei der stetig steigenden Einschulungsrate von Mädchen und Jungen in Grundschulen. Wir werden das 2. Millenniumsziel, die allgemeine Grundschulbildung für alle Kinder, in Bangladesch bis 2015 erreichen. 


NETZ: Allerdings schließen nicht einmal 50 Prozent aller Mädchen und Jungen in Bangladesch die Grundschule ab. 

Priesner: Es ist richtig, dass weniger als die Hälfte der Kinder die Grundschule nicht abschließen. Das hängt ganz eng mit der Qualität der Grundschulbildung zusammen. Formal gesehen werden wir das 2. Millenniumsziel erreichen. Die Frage ist jedoch, wie ausschlaggebend dieses Ergebnis wirklich ist. So muss man beispielsweise auch bedenken, dass die Qualität des Unterrichts erheblich darunter leidet, dass sich die Einschulungsraten innerhalb kürzester Zeit stark erhöht haben. Manchmal konzentriert man sich zu sehr auf die Erreichung einzelner Indikatoren, anstatt das Problem ganzheitlich anzugehen. Jedoch können wir in Bangladesch auch einen bedeutenden Erfolg bei der Einschulung von Mädchen in Grundschulen feststellen. Betrachtet man die Zahl der Kinder, die eine Grundschule oder weiterführende Schule besuchen, stellt man sogar fest, dass insgesamt mehr Mädchen als Jungen eingeschult werden. Auch bei der Senkung der Kindersterblichkeit können wir enorme Fortschritte beobachten. Dies ist ein sehr großer Erfolg für Bangladesch. 


NETZ: Das klingt alles sehr positiv. 

Priesner: Es gibt auch Negatives zu berichten. Bei der Senkung der Müttersterblichkeitsrate konnten wir bisher keine großen Erfolge erreichen. Die Verbesserung der Gesundheit von Müttern hängt eng mit der Stellung der Frau innerhalb einer Gesellschaft zusammen. Dies kann innerhalb einer kurzen Zeitspanne nur schwer geändert werden. Auch das Ziel der Sicherstellung der ökologischen Nachhaltigkeit wird in Bangladesch nur schwer zu erreichen sein. Bangladesch ist der dichtbesiedelste Flächenstaat der Erde. Kurzzeitig mag man hier die Armut reduzieren können. Doch wenn dies nicht ökologisch nachhaltig geschieht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Armut wieder ansteigt. Auf diese Aspekte und Zusammenhänge sollte in den nächsten fünf Jahren größere Aufmerksamkeit in Bangladesch gerichtet werden. 


NETZ: Sie sprachen davon, dass die Preissteigerungen von Nahrungsmitteln und die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise die Erreichung der Millenniumsziele stark beeinflussen. Was bedeutet das konkret? 

Priesner: Mit Sicherheit haben die Krisen die angestrebte Halbierung der Armut bis 2015 stark verzögert. Vor einigen Jahren dachten wir noch, dass dieses Ziel, das den Kern der Millenniumsziele ausmacht, bis 2013 oder 2014 erreicht werden könnte. Durch die Krisen ist das nun nicht mehr sicher. In Bangladesch bräuchte es einen signifikanten Konjunkturaufschwung, um den Anteil der Menschen, die in Armut leben, bis 2015 zu halbieren. Formal betrachtet geht es bei diesem Ziel um die Reduzierung des prozentualen Anteils der armen Menschen an der Weltbevölkerung. Im globalen Kontext lässt sich jedoch beobachten, dass die absolute Zahl armer Menschen stetig ansteigt, nicht zuletzt auch infolge des erhöhten Bevölkerungswachstums. Dies gilt natürlich im besonderen auch für Bangladesch. Die größten Erfolge bei der Halbierung der weltweiten Armut gibt es in Indien und China. In diesen beiden Ländern ist ein konjunktureller Aufschwung besonders zu spüren. Im globalen Kontext müssen wir bisher ein sehr uneinheitliches Fazit bei der Armutsbekämpfung ziehen. 


NETZ: Sie sagten, dass Bangladesch generell auf einem guten Weg bei der Armutsbekämpfung ist. Wie schätzen Sie die Situation der Menschen ein, die in extremer Armut leben? Wie wird sich deren Situation verändern? 

Priesner: Dort sieht es nicht so positiv aus. Die Halbierung des Anteils der Hungernden in Bangladesch bis 2015 wird nicht erreicht werden. Der Erfolg bei der Armutsbekämpfung ist innerhalb des Landes sehr ungleich verteilt. In einigen ländlichen Gebieten konnte die Armut deutlich reduziert werden, während die Armut in den Städten weiter anwächst. Auch regional zeichnet sich ein uneinheitliches Bild bei der Armutsbekämpfung in Bangladesch ab. Gerade im Süden von Bangladesch leiden viele Menschen unter den Folgen des Klimawandels. Die Böden versalzen zunehmend und werden unfruchtbar. Viele Menschen werden zu Klimaflüchtlingen und migrieren in die Städte. Dies wird auch nach 2015 eine große Herausforderung bleiben. 


NETZ: Herr Priesner, herzlichen Dank für das Interview. 


Das Interview führten in Dhaka die NETZ-Mitarbeiter Sharmin Islam und Philipp Kappestein. 

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2-2010 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Armut ohne Ende? Zwischenbilanz der Millenniumsziele". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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