Rückwärts in die Zukunft

Theaterstück zur Situation im Bildungssektor

Die bangladeschische Menschenrechtsorganisation Ain o Salish Kendra (ASK) nutzt Theater als Ausdrucksform, um vor allem in ländlichen Regionen des Landes Bewusstsein für Menschenrechtsthemen und soziale Gerechtigkeit in der Bevölkerung zu schaffen. Ehrenamtliche Theateraktivisten entwickeln mit Unterstützung von ASK Mitarbeitern Theaterstücke, in denen lokale Probleme behandelt werden, um anschließend an deren Aufführung gemeinsam mit ihrem Publikum Ursachen und Lösungswege zu diskutieren.

Kritisch hinterfragt das Theaterstück Ulthoroth, was wörtlich ins Deutsche übersetzt „entgegengesetzter Wagen“ heißt, die Strukturen des Bildungssystems in Bangladesch, in dem Schüler nicht ohne teure Nachhilfe und kostenpflichtigen Zusatzunterricht bestehen können. Zudem wirft es einen kritischen Blick auf den meist frontalen Schulunterricht, der darauf zielt Wissen anzuhäufen, aber nicht Probleme zu lösen. Das Stück stammt von Theateraktivisten aus Joypurhat und wurde unter anderem 2011 beim nationalen Menschenrechtstheater-Festival in Dhaka aufgeführt.

Wer sich in Bangladesch teuren Privatunterricht und den Besuch von Nachhilfe-Instituten leisten kann, hat beste Karten für den Berufseinstieg.

Ein Vater trägt seinen kleinen Sohn auf der Schulter über die Bühne.

Kleiner Junge: Wo gehen wir denn gerade hin?

Vater: Zur Schule.

Kleiner Junge: Kann man die Schule essen?

Vater: Nein mein Sohn, Schule ist nichts zum Essen.

Während Vater und Sohn über die Bühne laufen, erscheinen drei Darsteller in jeweils drei Ecken des Bühnenraums. Ein Darsteller verkörpert die Schule, einer das Nachhilfe-Institut und ein weiterer den Privatunterricht.

Kleiner Junge: Was ist die Schule denn sonst?

Schule: Die Schule ist eine Fabrik des Wissens! Hier wird erstklassiges Wissen vermittelt!

Kleiner Junge: Ach so, ich verstehe.

Schule: Hier lernst Du was! Wenn Du allerdings noch etwas mehr lernen willst, dann dort. Siehst Du den Privatunterricht? Da solltest Du hingehen. Da lernst Du noch mehr! Und wenn Du dein Wissen noch etwas verbessern willst, dann dort – siehst Du das Nachhilfe-Institut? Dorthin kannst Du auch gehen. Dort gibt es sehr, sehr gutes Wissen zu kaufen!

Vater: Komm, Junge.

Privatunterricht: Privat! Privat! Privat! Hier wird sehr gründlicher Unterricht angeboten! Wenn Sie Englisch lernen, gibt es Bengalisch gleich gratis mit dazu! Vollständig klimatisierte Räumlichkeiten! Wir machen auch Hausbesuche! Wenn Sie es wünschen, dann lassen Sie es uns wissen!

Der Vater hört der gesprochenen Werbung aufmerksam zu.

Vater: Was kostet denn wie viel?

Privatunterricht: Englisch 500 Taka (Anm. d. Red.: 500 Taka entsprechen 5 Euro) pro Kilo, Mathematik 300 Taka das Kilo. Bengalisch kostet nur 200 Taka. Religion ist dann umsonst dabei! Was soll ich Ihnen geben, Bruder?

Der Vater überlegt eine Weile.

Vater: Gut, dann geben Sie uns eineinhalb Kilo Mathematik.

Der Privatunterricht-Darsteller wiegt mit einer unsichtbaren Waage die Ware. Der Vater beobachtet ihn dabei.

Vater: Machen Sie das bitte etwas genauer, Bruder!

Privatunterricht: Ich weiß schon um mein Geschäft und wie man richtig abwiegt! Was kann ich Ihnen noch geben, Bruder?

Vater: Geben Sie mir noch ein Kilo und 250 Gramm Englisch dazu. Wie viel macht das dann insgesamt?

Privatunterricht: Insgesamt 1.075 Taka.

Der Vater und der Privatunterricht-Darsteller laden das gekaufte Wissen auf den Rücken des kleinen Jungen. Dieser bricht unter der schweren Last fast zusammen. Der Vater zählt sein Geld und zahlt. Dann gehen Vater und Sohn weiter zum Nachhilfe-Institut-Darsteller, bei dem sie noch mehr Wissen für den Jungen kaufen. Anschließend verlassen sie die Bühne.

Nach Abgang des Vaters und des Jungen läuft der Privatunterricht-Darsteller zum Nachhilfe-Institut-Darsteller und beide beginnen ein Gespräch. In der Ferne steht nach wie vor der Darsteller, der die Schule verkörpert.

Nachhilfe-Institut: Bruder, wie läuft das Geschäft?

Privatunterricht: Das Geschäft ist in vollem Gang, Bruder!

Nachhilfe-Institut: Was gut läuft, könnte doch eigentlich noch besser laufen. Aber dafür müssen wir noch irgendwas unternehmen, oder nicht?

Privatunterricht: Was könnten wir tun? Gut, wie wäre es denn, wenn wir die Schule mit ins Boot holen?

Nachhilfe-Institut: Ja, sehr gut! Dann lass uns doch mal sehen, ob wir sie uns angeln können.

Beide stehen dicht bei einander und werfen eine unsichtbare Angel in Richtung Schule aus. Die Schule beißt an. Sie ziehen die Schule mit sich mit und verlassen die Bühne. Vier Schüler, einer von ihnen ist der kleine Junge, und ein Lehrer erscheinen auf der Bühne. Der Lehrer setzt sich. Der morgendliche Appell beginnt.

Lehrer: Nummer Eins?

Schüler 1: Ja, Sir!

Lehrer: Nummer Zwei?

Schüler 2: Anwesend, Sir!

Lehrer: Nummer 3?

Schüler 3 (kleiner Junge): Stets zu Diensten, Sir!

Lehrer: Nummer Eins. Komm her! Was für Wissen soll ich dir geben, mein Sohn?

Schüler 1: Ich nehme Mathematik, Sir.

Lehrer: Du willst also Mathematik? Sehr gut, sehr gut!

Er holt ein unsichtbares Gefäß, öffnet dem Schüler gewaltsam den Mund und stopft ihm aus dem Gefäß die Mathematik in den Hals.

Los! Das müsste jetzt funktionieren. Nummer Zwei! Komm her! Und, was möchtest Du?

Schüler 2: Geschichte.

Lehrer: Geschichte! Nun Geschichte ist für manche nicht leicht zu verdauen. Ich schaue mal nach, sag „Ah“! Da ist noch eine kleine Lücke, doch wie bekomme ich da Geschichte hinein?

Staatliche Prüfungen sehen noch immer reines Abfragen der Inhalte aus den Lehrbüchern vor. Problemlösung wird in Prüfungen nicht verlangt.

Holt einen unsichtbaren spiralförmigen Bohrer hervor und bohrt dann damit kräftig im Mund des Schülers. Dann untersucht er erneut die Lücke.

Na also, das ist doch nun sehr viel Platz! Jetzt klappt es bestimmt.

Mit Hilfe einer unsichtbaren Pumpe flößt er dem Schüler Geschichte ein. Dieser würgt und erbricht sich schließlich.

Lehrer: Ich habe es doch gleich gesagt: Geschichte wird von manchen nicht leicht verdaut! Setz dich hier hin!

Er holt ein unsichtbares großes Messer hervor und untersucht die Klinge. Dann schneidet er den Kopf des Schülers ein. Dieser schreit vor Schmerz. Der Lehrer steckt dann Stück für Stück das Geschichtswissen in den entstanden Spalt. Anschließend näht er den Kopf wie mit Nadel und Faden zu.

Lehrer: Nummer Drei!

Schüler 4/Kl. Junge: Ja, Sir! Ja, Sir!

Lehrer: Was wirst Du nehmen, mein Sohn?

Kleiner Junge: Meine Mutter hat gesagt, ich soll Englisch nehmen.

Lehrer: Ja! Wie kann man im Zeitalter der Globalisierung kein Englisch nehmen?! Sag „Ah“, dann schaue ich mal. Was ist das bloß? Du hast ja gar keinen Platz. Wo soll da das Englisch noch hin? Für dich gibt es eine besondere Behandlung! Dreh dich um!

Der Junge dreht sich in großer Furcht vom Lehrer weg. Dieser kommt mit einer unsichtbaren großen Spritze, füllt sie mit Englisch und untersucht kurz die Dosis. Dann greift er den Oberschenkel des Jungen und gibt ihm die Spritze, als ob er ein Stück Vieh wäre. Der Junge schreit und springt auf.

Kleiner Junge: Knowledge is power!

Ende

Übersetzung aus dem Bengalischen von Insa Bloem.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe NETZ 3/2012 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Wissen beflügelt - Das Bildungssystem in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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