Qualität statt Quantität an Grundschulen

Schulabbrüche müssen verhindert werden


Manjusree Mitra ist Expertin für Grundbildung und frühkindliches Lernen. Im Gespräch erläutert die Mitarbeiterin des NETZ-Landesbüros in Dhaka, warum 3,5 Millionen Kindern in Bangladesch noch immer der Besuch einer Grundschule versagt bleibt und was getan werden muss, um die Qualität von Bildung zu erhöhen.

NETZ: Wie bewerten Sie die Qualität der Grundbildung in Bangladesch?

Manjusree Mitra: Man muss differenzieren: Allgemein ist die Qualität des Unterrichts an Grundschulen in Städten besser. Auch in ländlichen Gebieten gibt es einige Schulen mit gutem Ruf, doch speziell in abgelegenen Gegenden, wie den Schwemmlandinseln oder an den Ufern großer Flüsse, gibt es kaum gute Schulen. Im nationalen Vergleich schneiden die dort lebenden Schüler am schlechtesten ab. Die Lehrer erscheinen oft nicht zum Unterricht, die Ausstattung der Schulen ist meist katastrophal und das Bewusstsein für den Wert von Bildung fehlt vielerorts.

NETZ: Laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen werden in Bangladesch 95 Prozent der Kinder im Grundschulalter eingeschult. Doch nur 67 Prozent erreichen die fünfte Klasse. Woran liegt das?

Mitra: Schlechte Leistungen in der Schule sind nur selten der Grund für Schulabbrüche. Häufiger sind die Ursachen in der Schule zu suchen: Schlechte Lehr- und Lernbedingungen, unzureichend ausgebildete Lehrkräfte und mangelnde Fürsorge für Kinder mit speziellen Bedürfnissen sind keine Seltenheit. Einer Studie der NGO BRAC zufolge ist aber für 40 Prozent aller Schulabbrüche in ländlichen Gebieten Armut die Ursache. Kinder aus armen Verhältnissen sind oft sehr früh gezwungen zu arbeiten, um ihre Familien finanziell zu unterstützen. Obwohl offiziell bis zur fünften Klasse Schulpflicht besteht, gibt es keine Instanz, die sicherstellt, dass sie eingehalten wird.

NETZ: Besonders die Einschulungsrate von Mädchen ist seit dem Jahr 2000 stark gestiegen. Gibt es dennoch Hindernisse, die speziell Mädchen davon abhalten, den Grundschulabschluss zu erlangen?

Mitra: Leider haben viele Mädchen in Bangladesch nur bedingt Einfluss auf ihre Zukunft. Die Eltern entscheiden. Oftmals können es sich die Familien gar nicht leisten, das Geld für die Schulbildung aufzubringen – beispielsweise muss für die Mitgiftzahlung bei der Hochzeit der Töchter gespart werden. Besonders auf dem Land ist es noch immer gängig, dass Mädchen im minderjährigen Alter verheiratet werden und dann zu ihren Ehemännern ziehen. An Schulbildung ist ab dem Zeitpunkt meist nicht mehr zu denken. Außerdem ist in abgelegenen Gebieten das Netz aus Grundschulen nicht so dicht, wie in den Städten. Die Kinder müssen große Strecken zurücklegen, um zur Schule zu gelangen. Eltern sehen darin insbesondere für ihre Töchter ein großes Sicherheitsrisiko. Darum ziehen viele es vor, die Mädchen gar nicht zur Schule gehen zu lassen.

Simulation einer Unterrichtsstunde während einer Lehrerfortbildung der NETZ-Partnerorgansiation Jagorani Chakra Foundation.


NETZ:
Welche Gruppen gehören in Bangladesch noch zu den 3,5 Millionen Kindern, die von Grundbildung komplett ausgeschlossen sind?

Mitra: Betroffen sind meist Kinder aus armen Familien, Kinder mit Behinderungen und Kinder indigener Gruppen. Grundbildung ist in Bangladesch zwar offiziell kostenfrei, doch viele Familien können die versteckten Kosten nicht stemmen. Prüfungen, obligatorische Nachhilfe, Schuluniformen, Stifte und Schulhefte müssen bezahlt werden. Unterernährung oder Behinderungen bringen zudem spezielle Bedürfnisse mit sich. In den meisten staatlichen Schulen haben betroffene Kinder kaum eine Chance zu bestehen, weil kein Platz für individuelle Betreuung ist. Die Klassen an staatlichen Grundschulen bestehen durchschnittlich aus 60 Schülern. In den Klassen 1 und 2 muss ein Lehrer oft sogar bis zu 100 Mädchen und Jungen unterrichten. Den Lehrkräften fehlen in der Regel die Ausbildung und die Kapazität, sich gezielt um diese Kinder zu kümmern.

NETZ: Gibt es Initiativen, die sich speziell auf diese ausgegrenzten Kinder richten, um ihre Situation zu verbessern?

Mitra: Einige NGOs richten ihren Fokus inzwischen darauf, in den abgelegenen Gebieten und mit Kindern aus benachteiligten Familien zusammenzuarbeiten. UNICEF hat vor kurzem einen Strategieentwurf für Bangladesch vorgelegt, der bis 2016 umgesetzt werden soll. Im Grundbildungssektor sieht dieser vor, dass besonders benachteiligte Kinder zwischen fünf und 14 Jahren Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung bekommen sollen. Das Programm sieht die gezielte Unterstützung von Kindern in den Bereichen frühkindliches Lernen sowie der Vor- und Grundschulbildung vor.

Trotz dieser Hilfestellungen von NGOs sollte auch die Strategie des Bildungsministeriums für den Grundbildungssektor im Hinblick auf die Frage überprüft werden, was getan werden kann, um besonders benachteiligte Kinder besser ins Bildungssystem zu integrieren.

NETZ: Ist die Unterstützung der NGOs notwendig oder könnte der Staat auch alleine allen Kindern in Bangladesch Grundschulbildung ermöglichen?

Mitra: Derzeit ist es noch so, dass die NGOs den Staat gezielt da unterstützen, wo Probleme bestehen, beispielsweise in schwer erreichbaren Gegenden oder bei der Arbeit mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen, wie Kinder aus armen Familien und indigener Gruppen. Diese Unterstützung ist noch immer notwendig, um allen Kindern in Bangladesch Zugang zu Bildung zu ermöglichen und um die Qualität der Bildung zu erhöhen, zum Beispiel durch innovative Lehrmethoden. Einige dieser Methoden werden bereits auch an staatlichen Schulen übernommen.

NETZ: Sind der Staat und NGOs die einzigen Anbieter von Schulbildung in Bangladesch?

Mitra: Insgesamt gibt es in Bangladesch derzeit knapp 80.000 Grundschulen. Davon sind fast die Hälfte staatliche Grundschulen. Etwa 25 Prozent der Schulen sind registriert, aber nichtstaatlich. Das bedeutet, dass sie zwar dem Lehrplan folgen und der Schulabschluss staatlich anerkannt ist, doch die Schulen meist von Organisationen geleitet werden. Der dritthäufigste Schultyp sind Koranschulen. Sie machen etwa 12 Prozent aller Grundschulen in Bangladesch aus. Viele der Schulen richten sich zwar nach dem staatlichen Lehrplan, aber das Niveau der Allgemeinbildung ist dort oft schlecht, weil die meisten Lehrer speziell in Religion und Arabisch ausgebildet sind und der Fokus der Lehre auch darauf liegt. Daneben gibt es aber noch diverse andere Einrichtungen, die aber eher einen geringen Anteil an den Grundschulen in Bangladesch haben.

NETZ: Wo liegen die Stärken und Schwächen des Schulsystems in Bangladesch?

Mitra: Bei den politischen Entscheidungsträgern der großen Parteien herrscht Konsens darüber, dass Grundbildung hohe Priorität haben muss. Alle Schüler bekommen die Lehrbücher kostenfrei, die im staatlichen Lehrplan vorgesehen sind. Zudem wird Bildung zentral vom Bildungsministerium organisiert. Standardisierte Abschlussprüfungen werden beispielsweise landesweit zum gleichen Zeitpunkt durchgeführt. Gleichzeitig sorgt die zentrale Steuerung aber auch für Probleme, Qualität zu gewährleisten. Es gibt so viele Schulen in Bangladesch, dass der administrative Aufwand enorm ist. Besonders die Schulen in schwer erreichbaren Gegenden bekommen darum nur wenig Aufmerksamkeit von der zuständigen Behörde auf nationaler und lokaler Ebene.

NETZ: Wie kann die internationale Gemeinschaft Bangladesch dabei unterstützen, das Ziel zu erreichen, allen Kindern Zugang zu Grundbildung zu ermöglichen?

Mitra: Sie nimmt hier bereits eine wichtige Rolle ein. Seit 1990 werden viele Initiativen und Projekte finanziell unterstützt, die dazu beigetragen haben, dass sich im Bildungssektor Bangladeschs viel Positives getan hat. Hauptsächlich sollte die internationale Gemeinschaft nun die Regierung Bangladeschs gezielt dabei unterstützen, bestehende Probleme in den Griff zu bekommen und das gemeinsame Ziel, allen Kindern Grundschulbildung zu ermöglichen, zu erreichen. Insbesondere in folgenden Bereichen ist eine Unterstützung notwendig: Ausbildung von Lehrkräften, Vorschulbildung für Kinder ab vier Jahren, Überarbeitung des staatlichen Lehrplans und die Integration von Gesundheitsförderung ins Bildungssystem. Doch die Gewährleistung des Zugangs aller Kinder zu Grundschulen, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation der Familie, ist in erster Linie eine nationale und gesellschaftliche Aufgabe. Damit eine gut gebildete Generation heranwächst, die mit ihren eigenen Fähigkeiten die Armut aus Bangladesch verbannen kann.

NETZ: Frau Mitra, vielen Dank für das Gespräch.

Interview und Übersetzung: Kai Fritze

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe NETZ 3/2012 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Wissen beflügelt - Das Bildungssystem in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

Zurück zur Seite Grundbildung in Bangladesch

Grundbildung

Grundbildung

Mit 54 Euro pro Jahr lotsen Sie ein Kind heraus aus der Not, hinein in die Schule.

Eine zentrale Herausforderung sind die entlegenen Gebiete im Norden des Landes. Es ist schwierig, Lehrer zu finden, die qualifiziert und bereit sind, auf den Schwemmlandinseln zu unterrichten. Doch die Nachfrage und das Bewusstsein für Bildung durch verschiedene Initiativen ist auch dort in den letzten Jahren stark gestiegen.