Mehr Qualität und Wille

Probleme im Bildungssektor Bangladeschs gezielt angehen

von Towhid Noman

Die Schullandschaft Bangladeschs setzt sich zusammen aus rund 80.000 Grundschulen, 17.000 weiterführenden Schulen sowie 24 öffentlichen und 56 privaten Universitäten. Im Jahr 2012 besuchen knapp 70 Prozent aller schulpflichtigen Kinder eine Grundschule. Schockierend hoch ist die Abbruchquote. So erreicht nur eines von drei eingeschulten Kindern die 10. Klasse.

NGOs leisten im Bildungssektor eine wichtige Unterstützung für die Regierung. Von den Grundschulen wird über die Hälfte von einer NGO betrieben. BRAC ist der größte nichtstaatliche Akteur. Sie ermöglichen rund zwei Millionen Kindern den Zugang zur Bildung.

Staatliche Schulen sind auf den ersten Blick gut ausgestattet. Doch müssen die Eltern die Kosten für Schreibmaterial und Prüfungsgebühren selbst tragen.

Bildungsqualität

Die Qualität des Unterrichts ist auf allen Ebenen im staatlichen Bildungssektor sehr niedrig. Gründe dafür sind unter anderem überfüllte Klassen, unzureichendes Lehrmaterial und ungleiche Zugangschancen zur Bildung, etwa aufgrund des Geschlechts oder der wirtschaftlichen Situation der Familie. Die Mehrheit der Lehrkräfte geht nicht auf die individuellen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Interessen ihrer Schüler ein. Selbstständig zu denken, sich sprachlich ausdrücken zu können und Wissen anzuwenden, um damit Probleme im alltäglichen und beruflichen Leben zu lösen, sind jedoch wichtige Fähigkeiten, die an Schulen vermittelt werden sollten. Stattdessen wenden viele Lehrer statisches Auswendiglernen von Texten als Lernmethode an. Häufig werden Schüler auch emotional und physisch unter Druck gesetzt, um sie zum Lernen zu bewegen. Ein Hauptgrund dafür sind die mangelhaften Vorgaben und Kontrollen der staatlichen Schulbehörden.

Bekämpfung von Schulabbrüchen

NGOs arbeiten intensiv daran, in ländlichen Gebieten den Unterricht an Vor-, Grund- und weiterführenden Schulen zu verbessern, wo die Qualität der Bildung am niedrigsten und die Quote der Schulabbrüche am höchsten ist. Sie vergeben Stipendien an Schüler, fördern berufsorientierten EDV-Unterricht, bieten unterstützende Tutorien von der 6. Klasse bis zur Hochschulreife an und organisieren in verschiedenen Pilotprojekten Weiterbildungen für Lehrkräfte. Der Erfolg dieser Aktivitäten ist durch verschiedene unabhängige Studien nachgewiesen. Die Abbruchquote konnte durch diese Initiativen vor allem in ländlichen Gebieten reduziert werden.

Doch darüber hinaus bedarf es einer verstärkten partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der Regierung und NGOs, um die Zahl der Abschlüsse an weiterführenden Schulen im ländlichen Gebiet zu erhöhen. Vor allem Misswirtschaft und Korruption im Bildungssektor müssen verhindert werden, um die Abbruchquote deutlich zu reduzieren. Die Kontrolle gilt insbesondere für Beamte der lokalen Bildungsbehörden und für Lehrer, die nicht zum Unterricht erscheinen und stattdessen zeitgleich durch Nachhilfe zusätzliches Geld verdienen. Neue kinderzentrierte und motivierende Lehrmethoden müssen konzipiert werden und fester Bestandteil der Lehrerausbildung an allen Bildungseinrichtungen sein. Dadurch kann die Lehre besser auf die unterschiedlichsten Fähigkeiten, Bedürfnisse und Interessen der Schüler abgestimmt werden.

Mögliche Schritte

Es gibt noch eine Reihe weiterer konkreter Maßnahmen, die einen direkten positiven Einfluss auf den Bildungssektor haben können. Dazu zählen:

  • Die Verhinderung von Kinderehen.
  • Die Einführung eines kostenfreien und für jeden Schüler verpflichtenden Nachhilfeprogrammes, im Anschluss an den regulären Schulunterricht.
  • Regelmäßige Treffen von Elternräten, um den Schulbetrieb und das Lernumfeld der jeweiligen Schule zu überprüfen und zu verbessern.
  • Die regelmäßige Durchführung von Lehrerfortbildungen zu Themen wie Planung von Stundenplänen und Unterrichtseinheiten, kinderzentrierte und motivierende Lernmethoden, Bewertung der Schülerleistungen und Berichterstattung.
  • Mindestens ein Vertrauenslehrer an jeder Schule bietet jährliche Beratungen für alle Schüler in allen Fragen rund ums Lernen an und berücksichtigt dabei die persönlichen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Interessen der Schüler.
  • Die spezielle Ausbildung eines Lehrers, der sich um Kinder mit Behinderungen kümmert und mit dem jeweiligen Klassenlehrer dazu gezielt zusammenarbeitet.
  • Die Bereitstellung von genug Lernmaterialien unterschiedlichster Medien sowie Laborausrüstungen.
  • Ein Gesetz soll gewährleisten, dass Lehrer an höheren Schulen ausschließlich dort agieren und keine Privatstunden geben, beziehungsweise Zweitund Drittjobs nachgehen.

Ausblick

Laut einer globalen Rangliste befindet sich die Universität von Dhaka, die renommierteste Bildungsinstitution des Landes, nicht einmal unter den 500 besten von weltweit insgesamt 33.000 geführten Universitäten. Wenn alle relevanten Akteure im Bildungssektor ernsthaft und zielgesteuert kooperieren, dann ist es möglich in zehn bis 15 Jahren internationalen Standard zu erreichen. Dafür bedarf es der koordinierten Anstrengung des Bildungsministeriums, von Politikern sowie Bildungsexperten, aber auch von Beamten der Schulbehörden auf lokaler Ebene und der Lehrkräfte.

Der hier in einer gekürzten Fassung abgebildete Artikel erschien erstmals am 22. Mai 2012 in der Tageszeitung The Financial Express Bangladesh unter dem Titel „Confronting problems in the education sector in Bangladesh”. Übersetzung: Bernadette Kolb.

Bildungsexperte Towhid Noman arbeitet als Lehrer und ist aktives Mitglied bei Lehrer ohne Grenzen. Der bengalische Autor lebt seit 1983 in Kanada.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe NETZ 3/2012 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Wissen beflügelt - Das Bildungssystem in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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