Masse statt Klasse

Was Bangladesch tun muss, um die Grundschulen zu verbessern

von Niko Richter

Ein Aufschrei geht durchs Land. Anlass ist eine aktuelle Studie der Regierung: 70 Prozent der Kinder können am Ende ihrer Grundschulzeit weder ausreichend Lesen und Schreiben noch Rechnen. Sie sind nicht in der Lage, die Überschriften in Tageszeitung zu entziffern, können kaum einen Satz fehlerfrei schreiben und beherrschen einfache mathematische Grundregeln nicht. Die Studie beschreibt die Situation an staatlichen Grundschulen in Bangladesch. Durchgeführt wurde sie 2006 vom Bildungsministerium, die Ergebnisse wurden erst jetzt veröffentlicht.

Dabei vermeldete Bangladesch gerade im Bildungssektor zuletzt immer wieder Erfolge bei der Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele. Angaben der Vereinten Nationen zufolge werden inzwischen über 90 Prozent der Kinder im Grundschulalter eingeschult, die Hälfte von ihnen sind Mädchen. Die Grundschule ist für alle Kinder kostenlos, für Mädchen sogar bis zur 10. Klasse. Im Jahr 2000 hatten die Regierungschefs der internationalen Staatengemeinschaft acht Entwicklungsziele bis zum Jahr 2015 formuliert. So auch, dass alle Kinder Zugang zu Grundbildung erhalten. Um die Wichtigkeit dieses Ziels zu unterstreichen, haben die Vereinten Nationen im Jahr 2003 eine Bildungsdekade ausgerufen.

Strukturelle Probleme bei der Grundbildung

Über 18 Millionen Mädchen und Jungen werden an mehr als 80.000 Grundschulen in Bangladesch unterrichtet – jede zweite Schule ist staatlich. 40 Prozent der Schulkinder besuchen eine nichtstaatliche Bildungseinrichtung, darunter knapp zwei Millionen eine Dorfschule von Nichtregierungsorganisationen. In Koranschulen wird eines von zehn Kindern unterrichtet. Doch noch immer gehen über vier Millionen Mädchen und Jungen im Alter zwischen sechs und zehn Jahren gar nicht zur Schule. Und nur 65 Prozent der Kinder, die eingeschult werden, beenden die 5-jährige Grundschule! Die Unterrichtszeit eines in Bangladesch eingeschulten Kindes liegt weit unter dem weltweiten Durchschnitt.

Zum Ende der Grundschulzeit hat die Mehrheit der Kinder gerade einmal die Hälfte der vorgegebenen Inhalte gelernt. Experten benennen hierfür eine Vielzahl struktureller Probleme, u.a.: die unzureichende pädagogische Ausbildung der Lehrkräfte, den chronischen Mangel an Lehrpersonal in staatlichen Schulen, die schlechte Ausstattung der Schulen und die Tatsache, dass ein Lehrer oft bis zu 60 Mädchen und Jungen, manchmal sogar 100, unterrichten muss. Es liegt aber auch an der Einstellung vieler Lehrkräfte. Der niedrige Lohn demotiviert. Einige erscheinen nur unregelmäßig zum Unterricht oder schicken ungeeignete Stellvertreter, mit dem sie sich das Gehalt teilen. In der Zeit der Abwesenheit gehen die eigentlich ernannten Lehrkräfte dann einer finanziell lukrativeren Tätigkeit nach. Der aktuelle Haushalt der Regierung stellt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt des Landes, lediglich 2,8 Prozent der Ausgaben dem Bildungssektor zur Verfügung. Nicht einmal die Hälfte jener 6 Prozent, die laut dem „Globalen Aktionsplan für Bildung“ notwendig sind, um die gesetzte Zielmarke im Jahr 2015 erreichen zu können. Nach wie vor fehlen Tausende Schulen und Zehntausende Lehrkräfte.

Ausgrenzung benachteiligter Kinder

Insbesondere Kinder aus armen Familien fehlen oft im Unterricht oder gehen gar nicht zur Schule. Versteckte Kosten im staatlichen Grundbildungsbereich, etwa für Unterrichtsmaterial oder Nachhilfeunterricht, der aufgrund der hohen Unterrichtsausfälle notwendig ist, tragen dazu bei. Tagaus, tagein müssen die Kinder einer anstrengenden, oft monotonen Arbeit nachgehen, um das schmale Familieneinkommen zu verbessern: Sie arbeiten als Haushaltshilfe, Müllsammler oder Aushilfe in einem Laden, fahren die Rikscha ihres Vaters oder schuften auf den Feldern reicher Landbesitzer. Das gilt für die Kinder in den städtischen Slums genauso wie für ihre Altersgenossen in abgelegenen ländlichen Regionen, etwa auf den Schwemminseln in den großen Flüssen. Auch Schulpflichtigen, die sozial und kulturell ausgegrenzt sind, weil sie einer indigenen Minderheit angehören, bleibt das staatliche Bildungssystem oft verschlossen. Gerade einmal die Hälfte aller indigenen Kinder besucht eine staatliche Grundschule und lediglich jedes fünfte Schulkind schafft den Grundschulabschluss.

Alternativen zur staatlichen Grundschule

Nichtregierungsorganisationen arbeiten seit vielen Jahren gezielt mit den Kindern, die keinen Zugang zum staatlichen Bildungssystem haben oder frühzeitig wieder ausgeschieden sind. Wo es keine staatlichen Grundschulen gibt oder die Flexibilität fehlt, sich auf die Bedürfnisse der Kinder der Ärmsten einzustellen, übernehmen die Organisationen eine wichtige Rolle. Ihre kostenlosen Dorfschulen werden inzwischen von fast zwei Millionen Mädchen und Jungen besucht. Für die ärmsten Familien sind sie eine wichtige Alternative zum Besuch einer Koranschule, welche ebenfalls unentgeltlich sind. Hochwertige pädagogische Aus- und Weiterbildungen des Lehrpersonals sind für immer mehr Organisationen wichtig. Mitarbeiter betreuen die Lehrkräfte, geben Tipps bei Problemen und suchen das Gespräch mit Familien, deren Kinder nicht regelmäßig zum Unterricht erscheinen. Sie begleiten die Mädchen und Jungen auch beim Übergang in die Sekundarschule.

Potentiale nutzen

Expertise ist also reichlich vorhanden, um den Teufelskreis der Armut aufzubrechen, den fehlender Zugang zu Bildung aufrechterhält. Zivilgesellschaftliche Akteure in Bangladesch und weltweit fordern die politischen Entscheidungsträger entschieden auf, dieses Potential stärker als bisher zu nutzen. Von hier kommen die hoffnungsvollsten Innovationen.

Durch eine verbesserte Koordinierung können Nichtregierungsorganisationen noch effektiver das staatliche Grundbildungsangebot ergänzen, etwa flexiblen Unterricht für bislang ausgegrenzte Kinder anbieten und Weiterbildungen für Lehrkräfte an staatlichen Schulen durchführen. Das aktuell in Planung befindliche dritte staatliche Entwicklungsprogramm für Grundbildung soll ab 2010 in Kraft treten. Noch ist Zeit, Vertreter der Zivilgesellschaft umfassend an der Planung zu beteiligen.

In ihrem aktuellen Strategiepapier zur Armutsbekämpfung formuliert die Regierung das Ziel, dass bis zum Jahr 2011 70 Prozent aller Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen können. Die Realität sieht derzeit genau spiegelverkehrt aus. „Bislang hat das Bildungsministerium den Hauptfokus darauf gelegt, allen Kindern den Zugang zu Grundschulen zu ermöglichen“, so Badrul Alam Tarafdar, Staatssekretär im Ministerium für Grundbildung. „Qualität im Unterricht war keines der Hauptziele. Das möchte die Regierung nun ändern.“ Es ist allerhöchste Zeit.

NETZ-Mitarbeiter Niko Richter beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem staatlichen und nichtstaatlichen Grundschulsektor in Bangladesch. In der NETZ-Ausgabe 4/2006 berichtete er über Koranschulen in Bangladesch.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe NETZ 2/2009 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Zukunft gestalten - Grundbildung in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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