„Ein weiter so darf es nicht geben!“

Herausforderungen im Bildungssektor in Bangladesch

Rasheda K. Chowdhury ist Geschäftsführerin von Campaign for Popular Education (CAMPE), dem größten NGO-Dachverband für Bildung in Bangladesch. Zwischen Januar und Dezember 2008 war sie Bildungsministerin in der Übergangsregierung unter Fakhruddin Ahmed. Im Gespräch mit NETZ gibt sie einen Überblick aus ihrer Sicht über den aktuellen Stand des Bildungssektors in Bangladesch und benennt wichtige Aufgaben für die Regierung.

NETZ: Frau Chowdhury, bitte benennen Sie die aktuellen Erfolge und Probleme im Bildungssektor in Bangladesch.

Chowdhury: Es gibt beachtliche Erfolge bezüglich der Einschulungsquote von Kindern im Grundschulbereich und in der Sekundarstufe. Insbesondere die Zahl weiblicher Schülerinnen ist deutlich gestiegen. In einigen Regionen besuchen heute bereits mehr Mädchen als Jungen die Schulen. In den Grundschulen ist das Verhältnis von Frauen und Männern unter den Lehrkräften ausgeglichen. Wir sind auf einem guten Weg das angepeilte Ziel, dass 60% der Lehrkräfte Frauen sein sollen zu erreichen.

Auf der anderen Seite ist die Quote der Schulabbrecher enorm hoch. Die Qualität des Unterrichts und die Leistungen der Schüler bedürfen nach wie vor großer Aufmerksamkeit. Eine der größten Herausforderungen ist die Herstellung von Gleichheit im Bildungssektor. Es gibt große Unterschiede zwischen dem städtischen und ländlichen Raum. Die Leistungen der Schulkinder außerhalb der Städte, aber auch in den Slums der Großstädte sind deutlich schlechter. Diese Qualitätskluft birgt große Gefahren für den Fortschritt in unserem Land. Bildung ist zu einem Gut für die Familien geworden, die sie sich leisten können. Auch die Ausbildung der Lehrkräfte ist nicht auf dem neuesten pädagogischen Stand. Viele sind nicht in der Lage, einen qualitativ guten Unterricht zu leiten. Ein Lehrer unterrichtet oft zu viele Kinder und wird zu schlecht bezahlt. Dies sind Gründe, die ein interaktives und kindgerechtes Lernumfeld behindern.

NETZ: Wie bewerten Sie die Rolle der NGOs?

Chowdhury: Die NGOs nehmen eine wichtige Funktion in allen Bereichen unserer Gesellschaft ein – auch im Bildungssektor. Besonders im Grundbildungsbereich haben sie einen enormen Beitrag geleistet. Sie haben es geschafft die Themen „Grundbildung für alle“ und Qualitätssteigerung auf die politische Tagesordnung zu bringen. Aber immer noch werden die Ärmsten der Armen selbst von NGOs nicht erreicht. Die ist eine gewaltige Herausforderung.

Gegen ihre Arbeit gibt es aber auch Vorbehalte. Das Handeln einzelner NGO-Vorsitzender hat den gesamten Sektor in den Ruf gebracht nach parteipolitischen Interessen zu agieren. Zudem grassiert die Sorge, dass sich viele NGOs durch Mikrokreditvergaben zusehends in kommerzielle Unternehmen verwandeln. Zuweilen wird ihnen unterstellt, in Konkurrenz zur Regierung zu arbeiten. Oft jedoch ergänzen sie die Initiativen der Regierung, sie stoßen Prozesse an und gestalten diese aktiv mit. NGOs haben viele Lehrmaterialien und Bildungskonzepte entwickelt, die der Staat nutzen kann. So können immer mehr Kinder erreicht werden, die bislang keinen Zugang zum Bildungssektor hatten oder nach kurzer Zeit die Schule abbrechen mussten.

NETZ: Was sind Ihres Erachtens die wichtigsten Herausforderungen der Regierung?

Chowdhury: Die regierende Awami League hat in ihrem Wahlprogramm versprochen, dass bis zum Jahr 2011 alle Kinder eingeschult sein werden. Bis 2014 sollen alle Menschen in Bangladesch Lesen und Schreiben können. Das sind enorme Herausforderungen. Aber wenn wir wirklich entschlossen sind, dann können wir das schaffen.

In der Vergangenheit gab es mehrere gute Reformen, etwa die Einführung von Stipendien und kostenlosem Unterricht für Mädchen bis zur zwölften Klasse. Die neue Regierung hat verstanden, dass es ein „weiter so“ im Bildungssektor nicht länger geben darf. Wir brauchen eine nationale Bewegung, um den Kindern der ärmsten Familien, von religiösen und indigenen Minderheiten und sozial benachteiligten Gruppen wie Dalits* oder Prostituierten den Zugang zur Schule zu ermöglichen. Das Lernumfeld sollte kinderfreundlicher gestaltet und das Verhältnis zwischen den Lehrern und Schulkindern verbessert werden.

Um diese Ziele zu erreichen müssen die Ausgaben im Bildungssektor deutlich erhöht werden. Laut internationalem Übereinkommen sollen die Bildungsausgaben mindestens sechs Prozent des Staatshaushaltes betragen. Dies mag im Moment noch nicht möglich sein, sollte aber Schritt für Schritt umgesetzt werden. Auch die internationale Gemeinschaft ist hier in der Pflicht. Die großen Industrienationen wie Deutschland haben zugesagt, 0,7 Prozent ihres Haushaltes für die Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele bereit zu stellen. Davon sind die meisten noch weit entfernt.

* Dalits: Bevölkerungsgruppe, die im traditionellen Hinduismus als „Unberührbare“ betrachtet werden. Sie sind in Südasien vielfachen Benachteiligungen und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt.

Das Interview führte NETZ-Mitarbeiterin Sumana Binte Masud in Dhaka. Übersetzung: Niko Richter

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe NETZ 2/2009 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Zukunft gestalten - Grundbildung in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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