Ursachen der Nahrungsmittelkrise

"Die Menschen müssen im Zentrum der Entwicklung stehen!"

Professor Abul Barkat, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Dhaka, analysiert im Gespräch mit NETZ die Ursachen und Auswirkungen der Nahrungsmittelkrise in Bangladesch.

NETZ: Die Inflation in Bangladesch hat sich im Laufe des letzten Jahres (2007) durch die steigenden Lebensmittel- und Treibstoffpreise auf den internationalen Märkten weiter verschärft. Dadurch haben auch Versorgungsprobleme weiter zugenommen. Was sagen Sie dazu?

Abul Barkat: Ich stimme nicht mit der Regierung überein, dass der Weltmarkt der entscheidende Faktor für die Preissteigerungen bei den Lebensmitteln in Bangladesch ist. Es gibt mindestens achtzehn Gründe für die Preissteigerungen. Der unbedeutendste davon ist die Situation am Weltmarkt.

Wir leben in einer entstellten freien Marktwirtschaft, die den Armen gegenüber niemals freundlich eingestellt ist. Die grundlegende Philosophie der freien Marktwirtschaft ist heute der Neoliberalismus. Eine Philosophie, die vom Internationalen Währungsfonds und von der Weltbank unterstützt wird. In einer entstellten Marktwirtschaft ist die Bildung von Konsortien und Kartellen Realität. Konsortien sind ein Grund für Preissteigerungen. Es gibt sie im Bereich der Einfuhr, in der landwirtschaftlichen Produktion und im Dienstleistungssektor. Die Konsortien in Bangladesch haben sich verändert. Sie sind zu Kartellen geworden. Sie ähneln der Mafia, wie wir sie aus den 1920er und 1930er Jahren kennen.

Ein Grund für die Versorgungsprobleme sind die Zwischenhändler zwischen der Einfuhr von Waren und den Konsumenten, der Produktion und Konsument und dem Handel und Produktion. Sie verursachen künstliche Preissteigerungen. Sagen wir, der Preis für ein Kilogramm Reis in Bangladesch liegt eigentlich bei 26 Euro-Cent. Jetzt kostet es 36 Cent. Diese zehn Cent sind eine künstliche Steigerung, die zu 40 Prozent den Zwischenhändlern geschuldet ist. Dies war vor 20 Jahren noch nicht so. Außerdem ist die Verteilungskette von der Herstellung bis zum Konsumenten nicht effektiv organisiert. Sie ist hochkomplex, schwach und unwirksam - besonders bei importierten Gütern.

Ein anderer wichtiger Grund für Preissteigerungen ist der Angstfaktor unter den Großhändlern. Kurz nach dem Amtsantritt der Übergangsregierung wurden einige von ihnen verhaftet. Auf allen Ebenen gibt es so nun mehr große Lagerhalter: bei der Einfuhr, der Herstellung und auf dem bangladeschischen Markt. Die Regierung und die wichtigen Geschäftsleute vertrauen sich nicht, obwohl man sie bei gemeinsamen Treffen sieht. Die Angst der Geschäftsleute führt zu weniger Investitionen und Produktion.

Noch ein Faktor ist auf der Angebotsseite zu finden. Der Preis steigt, wenn weniger produziert als nachgefragt wird. Das sind ökonomische Grundregeln. Diese Regeln funktionieren aber in Bangladesch nicht: Wenn man hier auf den Markt schaut, ist alles verfügbar. Das Angebot stimmt, aber der Preis steigt. Ich nenne dieses Problem den Erwartungsfaktor. Geschäftsleute, Großbauern und Bauern der Mittelschicht erwarten, dass die Preise für Grundnahrungsmittel steigen werden und legen so Vorräte an. Die Menschen entscheiden rational. Wenn man erwartet, dass der Preis einer Ware steigt, lagert man sie und verkauft erst später. Das Angebot sinkt, die Preise steigen.

Der Anstieg der Produktionskosten im landwirtschaftlichen Sektor ist ein weiterer Faktor. Diese umfassen Bewässerung, Dünger, Saatgut und Arbeitskraft. Wenn man einen Bauern fragt, was es ihn kostet, einen bigha (Anm. d. Red.: ca. 0,13 Hektar) Land zu bewirtschaften, wird er alle Kosten aufzählen außer seiner eigenen Arbeitsleistung. Rechnet man diese mit, dann ist die Landwirtschaft in Bangladesch nicht wettbewerbsfähig. Zusätzlich müsste man eigentlich noch die Arbeit der Frauen berücksichtigen, die die Ernte zuhause im Hof weiterverarbeiten. Die steigenden Preise für Treibstoff haben auch direkte Auswirkungen auf die Kosten für die Bewässerung. Wir importieren 3,8 Millionen Tonnen Treibstoffe, darunter Diesel, Kerosin, Oktan, Benzin und Heizöl. Diesel und Kerosin sind die Energiequellen der armen Leute. Von den 3,8 Tonnen entfallen nur 0,6 Tonnen auf Oktan und Benzin. Drei Millionen Tonnen sind Diesel und Kerosin, 85 Prozent davon sind allein Diesel. Jeweils die Hälfte des Diesels wird für die Bewässerung und für den Transport genutzt.

Die steigenden Preise für Bewässerung und Düngemittel treffen besonders die Armen. Diese Tendenz wird sich in der Saison der Reissorten Amam und Rabi weiter fortsetzen. Dann steigen die Preise für Transport, Kalkdünger und Harnstoff, bei denen wir von Importen aus Indien abhängig sind, weiter an. Kerosin nutzen wir außerdem auch als Lichtquelle. In Bangladesch haben mindestens 70 Prozent der Haushalte keinen Strom. Und diese sind die Armen.

Im Weiteren stagnieren die Investitionen in die Landwirtschaft in den letzten zehn Jahren. Es gab keine Investitionserhöhungen durch die öffentliche Hand. Warum? Die vorherigen Regierungen und die momentane Übergangsregierung glauben, dass die Landwirtschaft die Privatangelegenheit der Erzeuger ist. Dieser Gedanke entspringt der neoliberalen Entwicklungstheorie, die uns vom Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und all den großen Spielern der Weltwirtschaft, besonders von den G8, übergestülpt wird.

Auch private Investitionen stagnieren. In der Landwirtschaft in Bangladesch hat es eine stille Revolution gegeben - eine negative Veränderung. Vor 20 Jahren wurden 20 Prozent des Landes von Teilpächtern bestellt. Heute sind es 40 Prozent. Wem gehört das Land? Es ist das Land der Reichen. Reiche Leute, die ihr Land nicht selbst bestellen. Sie verpachten es, weil sie alternative Einkommensmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft haben. Wer sind die Teilpächter? Sie sind keine Landlosen. Die meisten besitzen etwas Land, denn zum Pachten benötigt man Geld. Dieses Geld fehlt den Landlosen und den Kleinbauern mit sehr geringem Landbesitz. Aber die Teilpächter haben kein Interesse daran, die Produktion zu erhöhen, da sie einen Teil wieder an die reichen Landbesitzer abgeben müssten.

Und der letzte Punkt meiner Liste, der von vielen anderen immer an erster Stelle genannt wird, ist der Weltmarkt. Wenn auf dem internationalen Markt die Preise steigen, dann steigen sie auch in Bangladesch. Wenn sie fallen, dann sollten sie auch hier fallen. Aber ich habe noch nie sinkende Preise erlebt. Was passiert also in Bangladesch? Als jemand, der an ökonomische Theorien glaubt, sage ich, dass hier zwei Dinge gleichzeitig passieren. Und diese Dinge habe nicht ich herausgefunden, sondern sie wurden vor 250 Jahren von zwei Klassikern der Wirtschaftsphilosophie entdeckt, Adam Smith und David Ricardo. Adam Smith sagte, dass eine unsichtbare Hand die Preise entsprechend von Angebot und Nachfrage reguliert. David Ricardo sagte, dass es auch politische Preisbildung gibt. In Bangladesch haben wir eine Kombination der unsichtbaren Hand und der politischen Preisbildung - sie sind der Grund, warum die Preise für Verbrauchsgüter stetig steigen.

NETZ: Sie haben gesagt, dass die Preissteigerungen arme Menschen am stärksten treffen. Wie zeigt sich dies bei armen Menschen wie Textilarbeitern, die ein festes Einkommen haben? Gibt es Anzeichen, dass die Preissteigerungen dazu geführt haben, dass noch mehr Menschen unter die Armutsgrenze gefallen sind?

Barkat: Die Regierung, ob nun gewählt oder nicht, besteht aus Schönrednern. Es gibt einen Lügen-Mechanismus. Deswegen ordne ich Bangladeschs Wirtschaft in zwei Teile. Den einen Teil nenne ich die statistische Wirtschaft, den anderen die echte Wirtschaft. Wenn die Regierung beispielsweise mitteilt, dass die Inflationsrate bei 10,1 Prozent liegt, zitiert sie Zahlen des staatlichen Statistikamts. Wenn sie 10,1 Prozent sagen, sehe ich vielmehr 20,5 Prozent. Meine Einschätzung basiert auf dem Markt. Auf was fußt die Schätzung der Regierung? Ich weiß es nicht. Zitiert die Regierung also das Amt für Statistik, so beruft sie sich auf eine staatliche Einrichtung. Das Statistikamt sollte keine staatliche Behörde sein, sondern eine unabhängige Institution.

Die Leute gehen zum Markt und sehen die Preise: Was vorher 10 Cent gekostet hat, kostet nun 20 Cent. Die Inflationsrate ist also nicht 5, sondern 100 Prozent. Einer der Berater der Übergangsregierung nannte es den "versteckten Hunger", ein anderer sagte, es sei eine "stille Hungersnot". Ich habe immer gesagt, es gibt keinen versteckten Hunger und keine stille Hungersnot. Es ist eine deutlich sichtbare Hungersnot. Man kann sie überall sehen.

Die Regierung gibt an, dass 40 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. 20 Prozent sind extrem arm. Wenn man also der Statistik der Regierung Glauben schenkt, sind 60 von 150 Millionen Menschen arm. Rechnet man aber die bisherigen Armen und die neuen Armen zusammen, die in den letzten zwei Jahren durch die Preissteigerung hinzu gekommen sind, so gehe ich davon aus, dass mindestens 100 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben. Gründe hierfür sind beispielsweise die Preissteigerungen, fehlende Arbeitsplätze auf dem Land und in der Stadt, die Überschwemmungen und der Wirbelsturm im letzten Jahr und schließlich der Weltmarkt. Demzufolge sind in den letzten zwei Jahren knapp 40 Millionen Menschen in Bangladesch verarmt.

Der Hauptgrund für diese neue Armut ist die Preissteigerung und der damit verbundene Rückgang des Realeinkommens. Diese Entwicklung kann man nicht nur bei den lebenswichtigen Verbrauchsgütern beobachten. Die Mieten in Dhaka und überall in Bangladesch sind gestiegen und Medikamente teurer geworden. Es gibt höhere Preise im Transportwesen, für Strom, Gas und vieles mehr. Die Einkommen steigen nicht und der sozioökonomische Status sinkt durch die Preissteigerungen. Die Armen werden noch ärmer und die untere Mittelschicht findet sich plötzlich in den Reihen der Armen wieder.

Die Armen haben kaum Besitz. Vielleicht gehört einer Familie eine Kuh oder Ziege. Bedingt durch die Preissteigerungen und um ihren täglichen Bedarf an Nahrungsmittel zu stillen, haben sie diese jetzt wieder versetzt. Ein Verkauf aus dem Elend heraus. In Notzeiten müssen sie ihren Besitz unter Marktwert verkaufen. Das sieht man ganz deutlich während der Flut. Wenn man in der Regenzeit aufs Land fährt, sieht man Viehhändler mit Booten von Dorf zu Dorf ziehen. Sie kaufen die Kühe der Armen. Was kostet so eine Kuh? Ein Drittel des Marktpreises. Viele der armen Kleinbauern, Menschen aus der unteren Mittelschicht und sogar aus der Mittelschicht sind so in der Falle der Notverkäufe gefangen. Wie kann man diesen Verlust in der Zukunft wieder gutmachten? Diese Menschen zieht es vom Land in die Städte. Das ist keine einfache Wanderbewegung, es ist eine erzwungene Migration ohne gleichzeitige Entwicklung und Industrialisierung in den Städten. Hier angekommen steigen sie dann im Niedriglohnsektor und in informellen Wirtschaftszweigen ein. Sie bleiben in Armut gefangen.

Meinen Berechnungen zufolge gibt es 40 bis 50 Millionen extrem Arme, die Regierung zählt 30 Millionen. Wenn diese Zunahme an neuen Armen, wie ich befürchte, anhält, dann sind soziale Unruhen zu erwarten, die auch zu politischen Unruhen führen können. Als die Übergangsregierung Anfang 2007 an die Macht kam nannten ihre Vertreter drei Hauptprobleme in Bangladesch: die Preissteigerungen, Korruption und den Reformstau. Unsere Verfassung legt eindeutig fest, dass es die Verpflichtung des Staates ist, die grundlegenden Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen. Das wichtigste Grundbedürfnis ist Nahrung. Wenn man die Verfassung also wirklich respektieren würde, bräuchte man einen Wohlfahrtsstaat. Oder eine sozialdemokratische Wirtschaft. Das bedeutet, die Menschen - und nicht die Entwicklung - ins Zentrum zu stellen.

NETZ: Die Regierung ist offensichtlich nicht in der Lage gewesen, die galoppierenden Preise für Nahrungsmittel unter Kontrolle zu bekommen. Welche Maßnahmen kann sie in der Zeit von August bis November, in der wenig geerntet wird, ergreifen, und was schlagen Sie der neu gewählten Regierung vor?

Barkat: Wir haben in Bangladesch eine der zehn fortschrittlichsten Verfassungen der Welt. Sie besagt, dass alle Macht vom Volke ausgeht. Und über dieses Volk sprechen wir heute. Ich denke, in einer Wirtschaft, die von einer falschen Philosophie geleitet ist, kann man nicht viel tun. Man kann diese Philosophie nicht ändern. Dazu bräuchte man eine sehr starke politische Führung, und diese haben wir nicht. Weder in der Politik noch anderswo. Diese nicht durch Wahlen legitimierte Übergangsregierung ist schwach.

Zwei Dinge sollten getan werden. Erstens müssen kurzfristig Maßnahmen ergriffen werden, denn die Situation verschlechtert sich zunehmend. Bald beginnt die Fastenzeit. Die Nachfrage nach manchen Gütern wird steigern. Es muss also schnell eine Strategie entwickelt werden, die den Schaden gering hält. Eine sinnvolle Maßnahme wäre, dass die Regierung drei Tonnen Nahrungsmittel als Puffer einlagert. Diese Reserve sollte am besten nicht aus Bangladesch selbst kommen. Wenn das so gemacht wird, kann ich versichern, dass die Produktionsmenge für Bangladesch ausreicht. Aber das allein ist noch nicht genug. Sie sollten zweitens Reis importieren - und zwar groben Reis, nicht den feinen Reis für die Reichen. Ich sehe nicht, dass die Reichen wirklich betroffen sind.

Die Einfuhr von Nahrungsmitteln muss viel effizienter gestaltet werden. Dazu müssen das Bankenwesen, das Verkehrssystem, die Finanz- und Steuerpolitik und die Anreize für wirtschaftliche Tätigkeiten optimiert werden. Kurzfristig muss die Regierung kostensparende Maßnahmen für den Transport der Nahrungsmittel sicherstellen. Nahrungsmittel könnten zum Beispiel mit Zügen und Schiffen transportiert werden. Die Regierung muss festlegen, was grundlegende Güter sind, und deren Markt regulieren und überwachen. Sie sollte auf die Versorgung mit diesen Gütern Acht geben und so die Nahrungsmittelsicherheit der Armen garantieren. Das hat in vielen Ländern dieser Welt funktioniert.

Die Regierung muss auf kurze Sicht eine staatliche Behörde schaffen, die dafür verantwortlich ist, die notwendigen Daten über die Produktion, den Konsum, die Versorgung und Lagerbestände jedes einzelnen Guts tagesgenau zu liefern. Bisher gibt es dies nicht. Die staatlichen Investitionen in Forschung und die Entwicklung der Landwirtschaft müssen steigen.. Ein öffentliches System für die Verteilung von Nahrungsmitteln, welches im Moment rund 30 Millionen Menschen versorgt, sollte kostenlos Nahrungsmittel zur Verfügung stellen. 60 bis 70 Millionen Menschen sollten Nahrungsmittel zu subventionierten Preisen erhalten.

Die Regierung muss die Effizienz staatlicher Hilfsprogramme steigern, um das Einkommen der Armen zu erhöhen. Sie muss auch in der Lage sein, Maßnahmen zu ergreifen, die nicht zwangsläufig den Empfehlungen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds entsprechen. Diese Institutionen haben eine Politik vorgeschlagen, die einen Ausbau der Landwirtschaft nicht vorsieht. Die Regierung sollte aber genau dies mit Hilfe der staatlichen und privaten Banken sowie des öffentlichen Sektors vorantreiben. Sie muss dafür sorgen, dass die armen Bauern und Teilpächter Geld zur Verfügung haben, um Saatgut und dergleichen zu kaufen. Die neue gewählte Regierung sollte sich zum Ziel machen, die Produktion zu erhöhen, aber nicht auf Kosten der Umwelt. Gleichzeitig sollte sie die Verteilung fairer gestalten. Es ist möglich, dass die Produktion verdreifacht wird und trotzdem immer noch 70 Prozent der Menschen in Armut leben. Das Wachstum muss gerecht verteilt werden. Die Regierung muss auf lange Sicht alles tun, um die Produktionskosten in der Landwirtschaft niedrig zu halten. Das ist nicht nur eine Frage von Subventionen, sondern auch eine von technologischer Entwicklung.

Die Regierung muss Arbeitsplätze schaffen. Bangladesch ist das am dichtest besiedelte Flächenland. Das Schaffen von Arbeitsplätzen und ihre gerechte Verteilung sind also sehr wichtig. Die Industrialisierung sollte vorangetrieben werden. Im Moment verringert sich ihre Rate. Die Leute, die investieren könnten, werden derzeit durch den oben genannten Angstfaktor gehemmt.

Und schließlich, und das ist langfristig die wichtigste Maßnahme, brauchen wir eine Landreform sowie eine Reform der Landwirtschaft und der Gewässer. Die Shrimp-Produktion zum Beispiel ist sehr ungerecht. Sie macht die Menschen ärmer und ist ökologischer Selbstmord. Aber die multilateralen Banken unterstützen sie. Nachdem die Shrimp-Produktion zu einem Industriesektor erklärt wurde, ist Ackerland in Shrimp-Zuchtanlagen umgewandelt worden. Die Leute wurden von ihrem Land vertrieben. Dies hat die Nahrungssicherheit und die Umwelt zerstört und die ganze Landwirtschaft aus dem Gleichgewicht gebracht. Und das organisierte Verbrechen hat im ganzen südlichen Gürtel Bangladesch erheblich an Einfluss gewonnen.

Es gibt acht Millionen Hektar Land und Gewässer in staatlichem Besitz, und es gibt zehn Millionen Haushalte, die gar kein Land besitzen. Jeder armen Familie könnten also 0,8 Hektar Land zugeteilt werden. Das reicht aus, um sie in zehn bis fünfzehn Jahren aus der Armut zu führen. Wir brauchen endlich wirkliche Führungspersonen in Bangladesch. Starke, patriotische Politiker mit einem kühlen Kopf und Weitsicht. Wenn diese die genannten Maßnahmen umsetzen, dann werden sie auch in der Bevölkerung eine breite Unterstützung finden.

Das Interview führten Sumana Binte Masud, entwicklungspolitische Referentin bei NETZ, und NETZ-Mitarbeiter Dirk Saam in Dhaka.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3-2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Hunger - Nahrungsmittelkrise Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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